„Heimat des Glücks“ in Gefahr

Ute Dilg-Saßmannshausen
Tourismus und Klimawandel im Pazifik

Interview mit Frances Namoumou von der Pazifischen Kirchenkonferenz und Pastor Tafue Lusama von der Christlichen Kirche in Tuvalu

„Heimat des Glücks” – mit diesem Slogan wirbt Fidschi auf seiner offiziellen Tourismuswebsite um internationale Gäste. Der Tourismus ist der größte Devisenbringer des Landes und bietet Arbeitsplätze für einen großen Teil der Bevölkerung. Doch Fidschi und andere Inselstaaten im Pazifik haben ein Problem: den Klimawandel. Wie wirkt dieser sich konkret auf die Region aus? Bringt sich die Tourismusindustrie in die Anpassungsbemühungen ein? Diese Fragen hat Tourism Watch-Redakteurin Ute Dilg-Saßmannshausen Frances Namoumou (Fidschi) und Pastor Tafue Lusama (Tuvalu) im Vorfeld der Klimaverhandlungen in Bonn gestellt.

TW: Wie wirkt sich der Klimawandel im Pazifik aus?

Tafue Lusama: In Tuvalu hat vor allem der Anstieg des Meeresspiegels gravierende Folgen. Das Salzwasser dringt dadurch in unsere Grundwasserreserven ein und bedroht so die Ernährungssicherheit der Bewohner. Ein weiteres Problem ist die Korallenbleiche. Wenn die Wassertemperaturen steigen, übersäuert der Ozean. Das verursacht die Bleiche und führt dazu, dass die Fische – unser wichtigster Eiweißlieferant – sich von den Küstengebieten zurückziehen und schwieriger zu fangen sind. Und dann sind da natürlich die Stürme, die an Intensität und Häufigkeit zunehmen. Die Menschen haben Angst um ihr Leben.

Frances Namoumou: Die Menschen in den Küstengebieten von Fidschi haben ähnliche Probleme. In den Bergregionen leiden wir unter langen Trockenperioden, die durch den Klimawandel hervorgerufen werden. Das ist ein großes Problem für unsere Landwirtschaft.

TW: Wie wirkt sich das auf die Tourismusbranche aus?

Namoumou: Während der Dürre mussten sich Hotels neue Lieferanten suchen, um die Hotelrestaurants mit Lebensmitteln zu versorgen. Reiseveranstalter konnten ihre touristischen Aktivitäten nicht weiter anbieten. Das wirkte sich natürlich auch auf die Einheimischen aus, die im Tourismussektor arbeiten. Viele verloren ihre Jobs und mussten sich andere Einkommensmöglichkeiten suchen.

TW: Was wird getan, um den Menschen dabei zu helfen, sich an den Klimawandel anzupassen? Und ist die Tourismusindustrie Teil dieses Anpassungsprozesses?

Namoumou: Die Gemeinden in der Nähe von Hotels oder Ressorts haben manchmal sogar Glück. Denn oft gehört ihnen das Land, auf dem die Hotelgebäude gebaut sind. Wenn es also zu Erosionen der Küste kommt, können Dorfbewohner und Hoteliers zusammen eine Lösung für das Problem erarbeiten. Auf diese Weise kann es sein, dass Gemeinden, die in der Nähe von Ressorts liegen, von deren Betreibern unterstützt werden. Ich habe von einer Hotelgruppe gehört, die das Aufschütten von Sandbänken finanziert und ein vernünftiges Entwässerungssystem hat installieren lassen. Es gibt also Fälle, in denen der Tourismus die Widerstandskraft der Menschen in vom Klimawandel betroffenen Gegenden erhöhen kann.

Für Dörfer entlang der Küste gibt es zudem verschiedene Anpassungsprogramme, etwa ein Projekt zum Bau von Meeressandbänken und das Pflanzen von Mangroven sowie Sensibilisierungsmaßnahmen an Schulen, um die Jugend auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Es gibt Hotels, die diese Aktivitäten unterstützen und als Teil ihrer Anstrengungen im Rahmen ihrer Corporate Social Responsibility ansehen.

TW: Was passiert in Tuvalu an Anpassungsmaßnahmen?

Lusama:Es gibt ebenfalls ein Programm zum Bau von Meeressandbänken. Außerdem soll das Land CO2-neutral werden bis 2020. Um das zu erreichen, lässt die Regierung derzeit auf allen Inseln Solaranlagen installieren. Mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen helfen den Gemeinden außerdem dabei, traditionelles Wissen wieder aufleben zu lassen: etwa traditionelle Methoden der Wettervorhersage und der Navigation oder altbewährte Anbaumethoden, um unsere Ernährungssicherheit zu garantieren. Dieses Wissen haben wir lange ignoriert, weil uns westliche Denkmuster ein falsches Gefühl von Sicherheit vermittelt haben.

TW: Ich habe von Reiseveranstaltern gelesen, die mit dem Klimawandel werben, indem sie den Kunden sagen: „Sie müssen diesen Ort gesehen haben, bevor er verschwindet.“ Was sagen Sie dazu?

Lusama: Ich höre das, ehrlich gesagt, zum ersten Mal. Wir wollen, dass die Menschen verstehen, dass unser Leben tatsächlich in Gefahr ist! Wir lieben unser Land und unser Volk. Wenn nicht sofort Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, dann bedeutet das, dass Menschen sterben werden. Wir freuen uns, wenn Gäste kommen und sich selbst ein Bild von der Situation machen.

TW: Fidschi wird vor allem als Urlaubsziel für Wellness und Flitterwochen angepriesen. Denken Sie, es ist unter diesen Umständen möglich, Besuchern die Folgen des Klimawandels für das Leben der einheimischen Bevölkerung deutlich zu machen?

Namoumou: Die Urlaubsresorts präsentieren ihren Gästen normalerweise eine exotische, luxuriöse und sorgenfreie Umgebung. Touristen haben kaum die Gelegenheit, Einheimische in ihrem Alltag zu treffen. Es wäre gut, ihnen auch andere Urlaubserlebnisse anzubieten. Etwa ein Dorf zu besuchen, das nach einem Zyklon wieder aufgebaut wurde. Wir wünschen uns diesbezüglich auch mehr Engagement von internationalen Reiseveranstaltern. Diese könnten Hotelbetreibern sagen: „Wenn Ihr ausländische Gäste beherbergen wollt, dann möchten wir mehr über Euren Einsatz gegen den Klimawandel wissen.“

Und dann sehe ich auch die Dorfgemeinschaften in der Pflicht. Wenn sie sich einen nachhaltigen Lebensstil zu eigen machen und ihre Verantwortung als Eigentümer des Landes wahrnehmen, das sie Hotelgruppen überlassen, dann könnten sie die Art und Weise, wie sich Tourismus in Fidschi entwickelt, beeinflussen.

TW: Pastor Lusama, glauben Sie, dass Tuvalu den Klimawandel überleben wird?

Lusama: Wir wollen optimistisch bleiben. Wir tun das Unsere und vertrauen darauf, dass Gott das Seine tun wird. Und wir erzählen unsere Geschichte, wo auch immer wir hinkommen. Wenn wir überleben wollen, müssen wir kämpfen und uns in die internationalen Verhandlungen zum Klimawandel einmischen.

Pastor Tafue Lusama ist Generalsekretär der Church of Tuvalu und Vorsitzender des Climate Action Network in Tuvalu.

Frances Namoumou arbeitet beim Pazifischen Kirchenrat (PCC) in Fidschi zu Fragen der Klimagerechtigkeit.

(November 2017, TW 89)

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