Guter Wille hilft nicht immer

Dorothea Czarnecki
Gefahren des Voluntourismus für Kinder in Süd- und Südostasien aus Sicht der Polizei

Kurzzeitige Freiwilligenarbeit – Volunteering oder Voluntourism – ist ein wachsender und profitabler Geschäftsbereich für touristische Anbieter. Doch immer wieder werden unter dem Deckmantel des vermeintlichen Helfens Kinder für sexuelle Zwecke ausgebeutet. Einige Fälle sind aus den Medien bekannt, viele weitere polizeilich erfasst.

Michael Carey Clemans, ein 57jähriger US-amerikanischer Pilot, missbrauchte junge Mädchen auf den Philippinen, vorzugsweise aus Waisenhäusern. Dabei stellte er auch Darstellungen des sexuellen Missbrauchs der Kinder her und lies sie online verbreiten. Er bezahlte eine Mittäterin, um ein temporäres Sorgerecht für einige der Kinder zu erhalten. Clemans wurde Anfang 2018 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt.

Richard Huckle, ein 30jähriger Brite, missbrauchte innerhalb von neun Jahren geschätzt 200 Mädchen und Jungen aus ärmeren Gegenden in Kuala Lumpur, Malaysia. Den Kontakt zu den Kindern stellte er als Freiwilliger einer christlichen Gemeinde her, die Schulen, Waisenhäuser und Kirchen besuchte. Zudem missbrauchte er ein zweijähriges Mädchen während der Übernachtung bei einer Gastfamilie in Kambodscha. Huckle wurde 2016 zu 23 Jahren Haft verurteilt, u.a. auch aufgrund des Besitzes, der Herstellung und Verbreitung von Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Bishwa Pratap Acharya, Gründer und Leiter des Waisenhauses “Happy Home” in Kathmandu, verbrachte 2014 ein Jahr in Untersuchungshaft. Ihm wurde Entführung, Betrug, Folter und Kinderhandel vorgeworfen, um sein Waisenhaus zu füllen. Finanziert wurde die Einrichtung über Spenden ausländischer Freiwilliger. Etliche von ihnen berichten, vor Ort beobachtet zu haben, wie die Kinder im Waisenhaus psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt wurden. 2015 wurde Acharya aus Mangel an Beweisen entlassen. Er hat den Betrieb der Einrichtung wieder aufgenommen.

Kinderschutz im Voluntourismus als Herausforderung für die Polizei

Alle zentralen Akteure – darunter Kinderrechtsorganisationen, die Tourismusbranche, Nichtregierungsorganisationen und relevante Regierungsstellen einschließlich der Polizei – müssen zusammenarbeiten, um die Gefahren für den Kinderschutz, die sich aus einem unkontrollierten Freiwilligentourismus ergeben, anzugehen. Um herauszufinden, wie die Polizei mit dem Kinderschutz im Freiwilligentourismus umgeht, hat Kriminalexpertin Anita Dodds im Februar 2018 Strafverfolger aus Süd- und Südostasien befragt. In zehn von elf Ländern, aus denen Antworten vorliegen, berichtete die Polizei von Fällen sexualisierter Gewalt gegen Kinder durch Freiwillige (Myanmar, Laos, Bangladesch, Kambodscha, Vietnam, Thailand, Malaysia, Indonesien, Nepal und die Philippinen). Einzig im streng regulierten Singapur sind bisher keine derartigen Fälle bekannt.

Die Polizei beobachtet eine steigende Anzahl internationaler Freiwilliger in Kinderheimen, Schulen, Kindergärten, Tageseinrichtungen für Kinder und Sportstätten. Dies führe zu einem erhöhten Risiko für Kinder, in diesen Einrichtungen sexuell und zur Spendenakquise ausgebeutet zu werden. Auch entstehe durch dieses Geschäftsmodell ein Teufelskreis: Mehr Freiwillige bedeuten mehr Projekte, und mehr Projekte bedeuten eine zunehmende Gefahr, dass geschickte Geschäftemacher Eltern dazu überreden, ihre Kinder Scheinwaisenhäusern und anderen dubiosen Projekten zu überlassen.

Die Kluft zwischen Polizei und Tourismusbranche

Solange keine Straftat geschieht, gibt es kaum Berührungspunkte der Polizei mit Voluntourismusanbietern. Auch gibt es bislang wenig Kooperation zwischen der Polizei und den Tourismusbehörden. Viele der Befragten beklagen, dass ihre jeweiligen Tourismusministerien jede Art von Touristen willkommen heißen, ohne "qualitative" Aspekte zu berücksichtigen und z.B. für die Freiwilligenarbeit mit Kindern polizeiliche Führungszeugnisse zu überprüfen.

Da aber immer mehr Fälle bekannt werden, wächst auch die Alarmbereitschaft der Polizei. Die Befragten sehen ihre Verantwortung darin, die Ausbeutung von Kindern in der Freiwilligenarbeit zu verhindern und zu bekämpfen. Als erste konkrete polizeiliche Maßnahmen berichten sie, dass ausländische Freiwillige überprüft wurden, die Bevölkerung vor Ort sensibilisiert wurde, es Trainings mit Mitarbeitenden in Projekten gegeben habe und die Ermittlungsarbeit verstärkt wurde. Doch fehle noch ein grundlegendes Bewusstsein bei den meisten Polizeikollegen und anderen staatlichen Akteuren.

Empfehlungen der Polizei zum Kinderschutz

Neben Fortbildungen zur Ermittlungsarbeit wünscht sich die Polizei einen stärkeren Austausch mit Tourismusbehörden und Nichtregierungsorganisationen. Auch sei mehr länderübergreifende Zusammenarbeit in der Strafverfolgung notwendig, um auf reisende Sexualstraftäter aufmerksam zu werden, bevor sie ins Land kommen. Ebenfalls wichtig sind Präventionsmaßnahmen. Die Einrichtungen vor Ort brauchen mehr Informationen, um die Risiken zu erkennen, die von Freiwilligen ausgehen können. So können sie dann umfassende Kinderschutzkonzepte entwickeln oder am besten auf Kurzzeitaufenthalte ausländischer Freiwilliger ganz verzichten. Schließlich rufen die Befragten Mitarbeitende in Kinderheimen, Institutionen und Projekten auf, verdächtige Vorkommnisse, Beobachtungen und Straftaten an die örtliche Polizei zu melden. Auch die betroffenen Kinder und ihre Familien sollten nicht zögern, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, denn nur so können die Täter gestoppt werden. Zudem stellen die Befragten die Sinnhaftigkeit der Freiwilligenarbeit mit Kindern in Institutionen grundsätzlich in Frage.

Erste Schritte zum Umdenken

Dass ein Umdenken bereits praktisch stattfindet, zeigen Beispiele aus Australien. Die Initiative Rethink Orphanages fordert Reiseveranstalter auf, keine Projekte aus der direkten Arbeit mit Kindern in Institutionen in ihre Angebote aufzunehmen. Als erste große Voluntourismus-Anbieter verzichten Projects Abroad und World Challenge seit Ende 2017 nun auf Waisenhausprojekte. Einen weiteren Durchbruch stellt eine Entscheidung des australischen Parlaments dar: Bis Ende 2018 wird es eine Gesetzesreform geben, nach der der Handel mit Kindern und Jugendlichen in Waisenhäusern und Kinderheimen als moderne Form von Sklaverei gilt und Maßnahmen dagegen ergriffen werden müssen.

Dr. Dorothea Czarnecki ist Expertin für Kinderschutz und sexuelle Ausbeutung von Kindern. Seit 2018 ist sie die Vize-Vorsitzende des globalen Netzwerkes von ECPAT international mit 104 Mitgliedsorganisationen in 93 Ländern und arbeitet als Referentin bei ECPAT Deutschland e.V.

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