Geraubte Würde

Stephen Ucembe
Kindheitserfahrungen in einem Waisenhaus

Nach Schätzungen leben 30 bis 45 Prozent der 2,4 Millionen Waisen und anderen besonders verletzlichen Kinder in Kenia in Kinderheimen oder Waisenhäusern. Die meisten dieser Institutionen werden von Ausländern unterstützt, oft in bester Absicht. Die Unterstützung solcher Institutionen zerstört jedoch die wichtigen Kinderschutzsysteme in den Familien und Gemeinschaften. Diese Systeme sind von grundlegender Bedeutung, um Kindern ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln und sicherzustellen, dass sie die Liebe bekommen, die sie für ihre Entwicklung brauchen. Unsere Anstrengungen sollten deshalb darauf ausgerichtet sein, Familien zusammenzuhalten und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Wir müssen Vorsicht walten lassen, damit das, was wir tun, die Kinder nicht ihrer Würde beraubt. Ich selbst bin in einem „Waisenhaus“ in Kenia aufgewachsen und möchte von meinen Kindheitserinnerungen an unsere Besucher und Freiwilligen berichten.

Gekleidet in Uniformen aus kurzen blauen Hosen und blau-gelben T-Shirts, auf denen wie bei einem Markenartikel der Name des Waisenhauses stand, versammelte man uns im Schatten eines Baumes, wo wir auf die Besucher warteten. Wir nannten sie damals nicht Freiwillige, sondern Besucher. Das einzige, was wir nie hatten, waren Schuhe. Meine Füße hatten sich an die rauen Steine gewöhnt. Dass wir keine Schuhe trugen, diente dazu, zu zeigen, wie verarmt wir waren, damit die Spender mehr geben würden. Die Angestellten der Institution hatten uns eine Routine beigebracht. Sie ließen uns aufmarschieren und sobald die Besucher in Reisebussen ankamen, mussten wir Freude ausstrahlen. Wir hüpften auf und ab und gaben unisono begeistert Lieder und Tänze zum Besten, mit denen wir sie willkommen hießen.

Betreten und beschämt

Wir wussten, sie würden nur wiederkommen und die Institution unterstützen, wenn unser Unterhaltungsprogramm sie zum lächeln brachte oder wenn sie aus Mitleid oder Traurigkeit über die Nachricht, dass wir „Waisen“ seien, weinten. Ich erinnere mich, wie jemand von den dienstälteren Angestellten in einem Kreis von Freiwilligen stand und erklärte, dass einige von uns von ihren Eltern verlassen wurden, andere von der Straße aufgesammelt wurden und wieder andere von ihren Familien verstoßen wurden. Die meisten von uns blickten während dieser Einführungen beschämt und betreten zu Boden. Auch wenn der Begriff „Waise“ manchmal in guter Absicht verwendet wird, war er für uns zu einem gleichmacherischen und pathologischen Label geworden. Er nahm uns unsere Individualität und unsere Würde.

Ich war traurig und fühlte mich elend, wenn die Leute mich angafften und mit Kameras unsere Gesichter ablichteten. Die meisten Freiwilligen wurden in der Institution herumgeführt, man zeigte ihnen, wo wir schliefen und wo unser Essen zubereitet wurde und sie erfuhren von bevorstehenden Projekten. Einige versprachen zu helfen, andere spendeten einen einmaligen Betrag. Manche dieser Begegnungen waren kurz. Die Besucher nahmen ihre Sonnenbrillen ab, gingen zurück zu den Bussen und winkten uns zum Abschied zu. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich einige von uns an ihr Kommen und Gehen gewöhnt, andere aber nicht – insbesondere die Jüngeren nicht: Tränen standen ihnen in den Augen. Sie versuchten nicht zu weinen, in einem Umfeld, wo Weinen fast ein Tabu war. Dieser Umgang mit den Besuchern war zu einer Routine geworden, die unsere Gefühle von Entfremdung, Isolation, Stigmatisierung, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Schwäche noch weiter verstärkte.

Süß – oder weniger süß

Hin und wieder gab es Freiwillige, die länger blieben. Jeden Morgen kamen sie, um mit einigen von uns Kindern zu spielen. Viele von uns hatten das Gefühl, dass diese Erwachsenen uns näher standen, als die Angestellten, die durch Abwesenheit glänzten. Wir hingen an ihrer Anwesenheit, als ob sie niemals wieder gehen würden. Doch sie mussten gehen. Das einzige, was wir machen konnten, war so zu tun, als sei nichts geschehen. Doch tief in unserem Inneren hatten sie unser Vertrauen erschüttert.

Viele hatten ihre Lieblingskinder – insbesondere unter den Jüngeren, die quasi im Vorbeigehen Umarmungen und Küsse bekamen und „süß” und „hinreißend” genannt wurden. Auf der anderen Seite blieben diejenigen allein, die nicht so „hinreißend” waren. Das war traurig, denn dadurch gärten Neid und Missgunst unter den älteren Kindern. Viele behinderte Kinder sah man überhaupt nur aus der Ferne, sie blieben unbeachtet. Es gab Fälle, wo Freiwillige eine besondere Nähe zu bestimmten Kindern entwickelten und anboten, ihre Ausbildung zu finanzieren und sie anderweitig zu unterstützen. Auch das verstärkte den Neid. Einige Kinder hatten durchaus Eltern und Verwandte, doch da den Freiwilligen gesagt worden war, sie seien Waisenkinder, konnten sie ihre Eltern nie besuchen. Die Lüge musste aufrecht erhalten werden.

Wie ein Tier im Käfig

Leute, die es gut mit uns meinten, finanzierten hin und wieder einen Ausflug für uns und wir besuchten eines der Tierheime vor Ort. Das waren oft die einzigen Momente, in denen wir einen Blick über die Mauern unserer Institution erhaschen konnten. Nach jedem Ausflug dachte ich darüber nach, wie auch ich auf das Niveau eines gefangenen Tieres reduziert worden war. Mir gefiel, dass die Freiwilligen kamen und Süßigkeiten und Spielzeug, Kleidung und Essen mitbrachten. Doch der ständige Gedanke und das Gefühl, auf ein Zootier im Käfig reduziert zu sein, gefielen mir nicht. Doch war genau das 14 Jahre meiner Kindheit ständige Realität.

Stephen Ucembe gründete 2009 die Kenya Society of Care Leavers und arbeitet nun mit Hope and Homes for Children als Regional Advocacy Manager. Eine längere Fassung dieses Beitrags war Teil einer Blogging-Kampagne gegen internationale Freiwilligeneinsätze in Waisenhäusern, koordiniert von Better Volunteering Better Care”.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

Weitere Informationen:

Better Volunteering Better Care: http://www.bettercarenetwork.org

Avaaz-Petition an Reiseveranstalter, die Vermittlung von Freiwilligen in Waisenhäuser einzustellen: https://secure.avaaz.org/en/petition/Volunteer_travel_organisations_Stop_Orphanage_Volunteering/?cwdzskb, #StopOrphanTrips

 (6.235 Zeichen, Juni 2016, TW 83)

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