Für Klimagerechtigkeit im Tourismus

Christina Kamp und Sumesh Mangalasseri
Das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung

Die Auswirkungen des Klimawandels, die Anpassungskapazitäten und die positiven und negativen Auswirkungen des Tourismus sind nicht gleichmäßig verteilt. Vor allem die Armen und Marginalisierten zahlen den Preis. Deshalb braucht es einen differenzierten Ansatz, sowohl bei der Tourismusentwicklung als auch in den Klimaverhandlungen – auf Grundlage der Menschenrechte und des Prinzips der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung.

Die entwickelten Länder müssen ihre eigenen Emissionen als Erste und rasch reduzieren, und sie müssen für Anpassung und Klimaschutz in Entwicklungsländern zahlen. Dazu besteht ein breiter Konsens, der auf dem Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung („common but differentiated responsibilities“ – CBDR) basiert. Dieses Prinzip bezieht sich unter der Klimarahmenkonvention zwar auf Länder, lässt sich aber auch auf Sektoren übertragen. Es weist auf die historische Schuld des Tourismussektors hin, der in der Vergangenheit eine riesige Menge an Emissionen verursacht hat, dies weiterhin tut und wohl auch in Zukunft tun wird. Und es weist auf die Kapazitäten der Tourismusbranche hin, zum Klimaschutz und zu Anpassungsmaßnahmen beizutragen.

Tourismusemissionen sind Luxusemissionen

Angesichts der gegenwärtigen Wachstumstrends könnte der Tourismus in 20 bis 30 Jahren der Sektor mit den meisten Emissionen sein. Die Emissionen aus dem Tourismus können als ‘Luxusemissionen’ angesehen werden – im Gegensatz zu ‘Emissionen zum Überleben’, die für den Fortbestand des Lebens auf diesem Planeten unausweichlich sind. Heute bestehen Ungleichheiten nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen und innerhalb von Ländern. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg einer neuen Ober- und Mittelschicht in Entwicklungs- und Schwellenländern hat zu einer deutlichen Zunahme der Reiseströme geführt.

Der Konsum der Reisenden und der Bedarf an immer mehr touristischer Infrastruktur sind emissionsintensiv. Die Situation wird durch Strategien zur Erhöhung der Zahl internationaler Besucher noch verschärft. Das gesamte Entwicklungsparadigma unterstützt nur ‘wachstumsorientierte’ Strategien. Große Teile der Bevölkerung bleiben vom angeblichen Nutzen ausgeschlossen, haben aber die Kosten zu tragen.

Subventionen für den Luftverkehr und Tourismus verschärfen das Problem zusätzlich. Sie fördern einen sehr emissionsintensiven Sektor und gleichzeitig gehen den Regierungen durch diese Fehlallokation von Mitteln hohe Beträge verloren. Öffentliche Gelder werden jedoch dringend gebraucht: für den Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft und zur Stärkung der Widerstandskraft der Armen angesichts des Klimawandels und anderer Bedrohungen.

Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster gehen Hand in Hand

Da die Klimaverhandlungen zwischen Ländern stattfinden, werden die Verpflichtungen zur Emissionsminderung bislang hauptsächlich für Nationalstaaten festgelegt. Die USA und China sind heute die größten Umweltverschmutzer. Ein großer Teil der CO2-Emissionen in China stammt aber aus “schmutzigen” Industrien, die nach China verlagert wurden. Die Produzenten sind Chinesen, ihre Produktionsweisen unterliegen chinesischer Gesetzgebung und Politik. Doch die Konsumenten der Produkte leben in anderen Teilen der Welt.

In ähnlicher Weise hängen im Tourismus die Emissionen vor Ort von der Nachhaltigkeit oder mangelnden Nachhaltigkeit der Destinationen ab. Internationale Touristen “exportieren” ihre Emissionen und hinterlassen ökologische Fußabdrücke in anderen Ländern. Die Verantwortung zur Emissionsreduktion liegt also auch in der Verantwortung der Produzenten, die entscheiden, wie produziert wird, und der Konsumenten, die entscheiden, was sie konsumieren.

System-Wandel statt Klimawandel

Um drastische Emissionsreduktionen in allen Ländern und Sektoren sicherzustellen, braucht es verbindliche Reduktionsverpflichtungen. Und es braucht eine ambitionierte und entschiedene Umsetzung – insbesondere durch umweltbelastende Sektoren wie den Flugverkehr. Dies muss entsprechend dem CBDR-Prinzip geschehen: auf Grundlage ihrer historischen Verantwortung, ihrer Kapazitäten und der erwarteten Wachstumstrends.

Alle Wirtschaftssektoren müssen ihre Emissionen verringern. Bei keinem Sektor ist es wahrscheinlich, dass er seine eigenen Emissionen reduzieren wird und zusätzlich noch die des Tourismus und des Flugverkehrs. Deshalb lassen sich die Emissionen aus dem Flugverkehr und Tourismus nicht anderswo „kompensieren“ bzw. „einsparen“.

Wachstum und Emissionsverringerungen gehen nicht zusammen. Die Nachhaltigkeitsrhetorik muss von Wachstumsstrategien entkoppelt werden. Emissionen im Flugverkehr lassen sich nur wesentlich reduzieren, wenn Angebot und Nachfrage abnehmen.

Verbindliche Reduktionsverpflichtungen, die von der internationalen Gemeinschaft und den einzelnen Staaten unterstützt und umgesetzt werden, sind notwendig, doch sie reichen nicht aus. Viele Lösungen werden nicht von oben kommen, sondern von Gemeinschaften, die zusammenarbeiten, um wirklich nachhaltige Lösungen zu finden. Solche Lösungen sind dezentral, partizipativ und basieren auf der Kreativität und dem Wissen der Menschen.

Wir haben ein Stadium erreicht, in dem sehr dringend entscheidende Maßnahmen erforderlich sind. Jede weitere Verzögerung ist Verrat an zukünftigen Generationen und an den Menschen, die von der Ressourcenverschwendung der Wohlhabenden – gerade auch im Tourismus – betroffen sind oder sein werden.

Dieser Artikel ist eine gekürzte Übersetzung des Beitrags „Justice Delayed is Justice Denied“ von Christina Kamp und Sumesh Mangalasseri in: Increasing the Sense of Urgency. Reflections on Tourism and Climate Change. Hg. Brot für die Welt, Berlin, 2014.

Download: www.tourism-watch.de/files/profile16_increasing_the_sense_of_urgency.pdf

(5.448 Zeichen, September 2015, TW 80)

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