Für einen breiteren Ansatz im Kinderschutz

Beth Verhey
Wie Tourismusunternehmen Kinderrechte umfassend stärken können

Die Reisebranche hat ein enormes Potenzial, auf die Einhaltung der Rechte von Kindern positiven Einfluss zu nehmen. Damit dieses Potenzial den Kindern in Urlaubsregionen zu Gute kommt, braucht es gebündelte Anstrengungen auf Seiten der Unternehmen. Dazu gehört es, zu analysieren und zu verstehen, welche positiven oder negativen Auswirkungen ihre Geschäftstätigkeit und ihre Wertschöpfungsketten auf Kinder haben.

Wie die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und die Prinzipien zu Kinderrechten und Unternehmen darlegen, sind Konsultationen mit potenziell betroffenen Gruppen ein wichtiger Bestandteil menschenrechtlicher Risikoanalysen. Dazu zählen Gespräche mit Kinderrechtlern und in einigen Fällen auch direkte Gespräche mit Kindern.

Weltweit werden bereits erhebliche Anstrengungen unternommen, um Kinder vor sexueller Ausbeutung im Tourismus zu schützen. Jedoch ist auch darüber hinaus Wachsamkeit geboten. In den Unternehmen sind Schutzmaßnahmen für Kinder erforderlich. Dazu zählen beispielsweise Verhaltenskodizes und Schulungen für Mitarbeitende. Damit wächst auch das Bewusstsein, dass der Tourismus vielfältige Auswirkungen auf die Kinderrechte hat.

Niedriges Lohnniveau

Im Tourismus sind weltweit über 100 Millionen Menschen beschäftigt und 265 Millionen Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt vomTourismus abhängig. Die internationale Arbeitsorganisation (ILO) weist darauf hin, dass der Anteil von Migranten und Frauen in dieser Branche hoch ist und die Hälfte von ihnen jünger als 25 Jahre alt ist. Doch es ist eine große Herausforderung, menschenwürdige Arbeitsplätze im Tourismus sicherzustellen. Die Durchschnittslöhne im Tourismus reichen selten für den Lebensunterhalt der Beschäftigten und ihrer Familien. Für die Kinder heißt das oft, dass sie keine ausreichende medizinische Versorgung oder keine nahrhaften Mahlzeiten bekommen, was dazu führen kann, dass die Kinder selbst versuchen, das Familieneinkommen aufzubessern.

Die Ursachen von Kinderarbeit

Nach Schätzungen der ILO verrichten 13 bis 19 Millionen Kinder Beschäftigungen, die direkt oder indirekt mit Tourismus zusammenhängen. Sie verkaufen Waren an den Stränden, schleppen das Gepäck der Urlauber oder bedienen in Restaurants. Kinderarbeit kommt jedoch auch in den komplexen Wertschöpfungsketten vor, z.B. bei externen Dienstleistern und Lebensmittellieferanten. Es gibt einige zentrale Maßnahmen, um die grundlegenden Ursachen von Kinderarbeit anzugehen. Dazu zählt, menschenwürdige Arbeitsplätze für Erwachsene sicherzustellen, touristische Aktivitäten zu entwickeln, die die Lebensgrundlagen der Einheimischen verbessern, und mit kommunalen Behörden zusammenzuarbeiten, um die Strukturen zum Kinderschutz auszubauen.

Chancen für Jugendliche

Es könnte auch mehr getan werden, um angemessene formelle Arbeits- oder Ausbildungsplätze für 15-17jährige anzubieten. Dazu müssen die Unternehmen von der jeweiligen Regierung eine eindeutige Liste der tourismusbezogenen Arbeitsplätze bekommen, die für Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren geeignet sind.

Arbeitsbedingungen für Mütter

Frauen machen die Mehrheit der Beschäftigten im Tourismus aus. Tendenziell verrichten sie die am schlechtesten bezahlten Jobs mit dem niedrigsten Status und unzureichendem Mutterschutz. Von Schichtdienst nach dem Rotationsprinzip und den in der Branche üblichen unregelmäßigen Arbeitszeiten sind ihre Kinder besonders betroffen. Flexiblere Arbeitszeiten für junge Mütter wären eine Möglichkeit, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Unternehmen könnten auch dazu beitragen, Kindern den besten Start ins Leben zu ermöglichen, indem sie einen Raum anbieten, wo die Mütter ihre Babys stillen oder Milch abpumpen können.

Kinderbetreuung und Aktivitäten nach der Schule

Kinder, deren Eltern lange und unregelmäßige Arbeitszeiten und keinen Zugang zu Kinderbetreuung haben (oder sich diese nicht leisten können), sind unter Umständen sich selbst überlassen. Nicht selten müssen sie auch ihre Geschwister beaufsichtigen. Dadurch sind sie sehr anfällig für Verletzungen, Vernachlässigung und Missbrauch. Besonders hoch sind die Risiken, wenn die Kinder in Urlaubsorten leben, die unter hohem Alkoholkonsum, Prostitution, Glücksspiel, Drogenmissbrauch, Lärm und Kriminalität leiden. Hier sind die Unternehmen gefordert, für die Kinder ihrer Angestellten ein sicheres Umfeld zu schaffen, indem sie sich für eine Subventionierung der Kinderbetreuung einsetzen, unternehmenseigene Kinderkrippen für Mitarbeitende einrichten oder lokale Jugendclubs und Sportvereine unterstützen.

Voluntourismus

Es gibt Hinweise darauf, dass Tourismusangebote zunehmen, bei denen es um die Vermittlung kurzfristiger Freiwilligeneinsätze geht. Es werden Schulen und Waisenhäuser vor Ort besucht oder die Unternehmen organisieren kurze Freiwilligeneinsätze. In einigen Fällen werden Kinder gezielt von ihren Familien getrennt und in Waisenhäusern untergebracht, um zahlende Freiwillige und Spender anzulocken. Sensiblere Ansätze sind nötig, damit Unternehmen mit ihren Investitionen in Gemeinschaften Strukturen unterstützen, die zum Schutz von Kindern geeignet sind.

Land, Wasser und Umwelt

Landnahmen für touristische Zwecke können die Lebensgrundlagen und Eigentumsrechte von Familien und Gemeinschaften untergraben. Die Umsiedlung kann schwierig sein und läuft nicht immer fair ab. Touristische Entwicklung, Infrastrukturwachstum, zunehmender Flugverkehr, unzureichende Abwasserentsorgung und der Einsatz von Chemikalien haben Auswirkungen auf die Umwelt und die Grundversorgung in den Zielgebieten und infolgedessen auch auf die Gesundheit der ortsansässigen Familien und ihrer Kinder.

Als einer der größten und dynamischsten Sektoren der Weltwirtschaft kann der Tourismus dazu beitragen, das Leben von Millionen Kindern zu verbessern. Dazu muss die Nachhaltigkeit von Zielgebieten insgesamt sichergestellt werden und nicht nur die Nachhaltigkeit einzelner Urlaubsreisen.

Beth Verhey ist leitende Beraterin zu Kinderrechten und gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef).

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

Weitere Informationen:

Children’s Rights and Business Principles. Unicef/The Global Compact/Save the Children (Hg.). 2012. Download: www.unicef.org/csr/css/PRINCIPLES_23_02_12_FINAL_FOR_PRINTER.pdf

Engaging Stakeholders on Children's Rights. A tool for companies. United Nations Children’s Fund (Unicef), Genf, September 2014. Download: www.unicef.org/csr/css/Stakeholder_Engagement_on_Childrens_Rights_021014...

(5.916 Zeichen, März 2016, TW 82)

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