"Fliehkraft": Von Migranten und Touristen

Julia Schönhärl
Mitautor/-en: 
Terkessidis, Mark

Selten wird über Tourismus und Migration in einem Satz gesprochen. Doch haben die beiden ″Bewegungsformen″ in der Realität mehr miteinander zu tun, als zunächst angenommen. In ihrem Buch ″Fliehkraft″ verstehen es Tom Holert und Mark Terkessidis, die mannigfaltigen Zusammenhänge zwischen Migration und Tourismus darzustellen. Zum einen tun sie dies anhand ganz realer Situationen, zum anderen zurückgreifend auf existierende Literatur, die sich dem Thema schon seit den 1970er Jahren widmet. Zwar treffen Touristen und Migranten an Häfen, Flughäfen, und Grenz­übergängen aufeinander und nutzen die gleichen Transportmittel und Unterkünfte als Anlaufstellen in der ″Destination″ – doch es ist paradox, dass sie sich trotzdem nicht wirklich ″begegnen″. Und wie geht es dann weiter? Welche Erwartungen haben Langzeit-Touristen oder Europäer in der neuen Wahlheimat, und was erwarten die zurückgekehrten Migranten? In beiden Fällen sehen Holert und Terkessidis, dass sich die Gruppen in einander ähnlichen neuen Siedlungen, Touristen-Resorts und Ferien­anlagen niederlassen und dort entweder zusammen oder nebeneinander her leben. Diese neu kreierten Gesellschaften haben einen großen gemeinsamen Pool. Beide kennen das Leben im ″Herkunftsland″ und haben entsprechende Ansprüche – was sie alle zu Fremden macht.

Welche Rolle hier religiöse Gemeinschaften spielen und welche Bedeutung ihnen im neuen sozialen Kontext zukommt, wird in dem Buch leider nicht besprochen. Fast wie Architekten oder Stadtplaner muten die Autoren dagegen an, wenn sie sich über die Tourismus-Migrations-Infrastruktur auslassen. Besonderes Augenmerk legen sie auf die Siedlungsstrategie Israels in den besetzen Gebieten.

Ein weiterer spannender Gedanke ist die Entpolitisierung der 'Heterotopien', welche die Autoren kritisch beobachten. Wie müssen ″Bürgerschaft″ und ″Partizipation″ im Hinblick auf neue Räume neu gestaltet werden? Es gehe ja letztlich in der globalen Welt nicht mehr nur um die Freiheit der Bewegung, sondern um ″das Recht auf einen Ort und auf dessen politische und kulturelle Gestaltung″. Mit dieser Aufforderung schließt das Buch, das mit Fakten und cleveren Gedanken Transparenz in die globale Migration gen Europa bringt.

Fliehkraft. Von Tom Holert und Mark Terkessidis, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2006, 256 Seiten, ISBN 3462037439.

(2.386 Anschläge, 33 Zeilen, Juni 2007)

Stichworte: