Fischerei und Tourismus in der Karibik

Ute Dilg-Saßmannshausen
Interview mit Mitchell Lay, Fischer und einer der Koordinatoren im Caribbean Network of Fisherfolk Organisations (CNFO)

„Meer, Sand und Sonne. Das ist das, was die Touristen in der Karibik erleben wollen“, sagt Mitchell Lay. Der 52-jährige Vater von fünf Kindern kommt aus dem Inselstaat Antigua und Barbuda. Er geht jeden Tag selbst an Antiguas Strand. Allerdings nicht um zu baden, sondern um zu fischen. Lay ist Fischer und repräsentiert das Caribbean Network of Fisherfolk Organisations (CNFO). Die zunehmenden Konflikte zwischen der wachsenden Tourismusindustrie in seiner Heimat und den kleinen Fischereibetrieben, von denen viele Einheimische leben, erfüllen ihn mit Sorge. Im Interview mit TourismWatch berichtet er, wie die Fischerfamilien damit umgehen.

TW: Was sind die größten Herausforderungen für die Fischerfamilien in der Karibik?

Mitchell Lay:Der wachsende Tourismus und die neuen Freizeitaktivitäten an den Küsten gehören definitiv dazu. Als Fischer konkurrieren wir um die natürlichen Ressourcen. Es ist schwierig für uns, unsere Stimme in dem Mix aus touristischer Entwicklung und politischen Interessen einzubringen. Eine weitere Herausforderung ist der Klimawandel. In den letzten Jahren hatten wir immer wieder starke Stürme. In Dominica zum Beispiel gab es in den vergangenen Jahren Überschwemmungen mit Todesopfern, Boote sind gesunken. Der Klimawandel macht uns große Sorgen.

TW: Nehmen die Fischer den wachsenden Tourismussektor als Bedrohung oder als Chance wahr?

Mitchell Lay: Eher als Bedrohung denn als Chance. Das liegt daran, dass unsere Interessen bei den meisten touristischen Projekten nicht berücksichtigt werden. Wir sind die Outsider. Andererseits beanspruchen wir dieselben Gebiete. Deshalb wäre es gut für uns, in der einen oder anderen Weise vom Tourismus zu profitieren oder unsere eigenen Aktivitäten ausbauen zu können. Aber so arbeiten viele touristischen Projekte leider momentan nicht.

TW: Wie sind die Beziehungen zwischen dem Tourismus und der Fischerei momentan?

Mitchell Lay:Die Akteure im Tourismus ignorieren den Fischereisektor derzeit fast vollständig. Sie befassen sich nur mit den Politikern in der Region. Die Regierungen der verschiedenen karibischen Staaten versuchen ihrerseits ausländische Investoren anzulocken. In der Folge hat der Tourismus an vielen Orten stark zugenommen. Etwa in Antigua, St. Lucia und auf anderen Inseln. Aber das Interesse ist gering, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und zusammenzuarbeiten. Das Augenmerk liegt auf den Investoren, nicht bei uns Fischern.

TW: Haben die Fischer immer noch ausreichend Zugang zum Meer?

Mitchell Lay: Wir haben Zugang, aber er ist in Gefahr. Die Leute kommen wegen der Strände in die Karibik. Sie wollen Meer, Sand und Sonne. Aber das verkompliziert unseren Alltag als Fischer. Es kann passieren, dass wir plötzlich vor einem Zaun stehen, weil ein Küstenstreifen bebaut wird oder sich neuerdings in Privatbesitz befindet. Dann kommen wir vom Land aus nicht mehr ins Wasser. Und selbst wenn wir über das Meer noch an die Fischgründe fahren können, so ist der Weg doch viel länger, weil wir anderswo mit den Booten rausfahren müssen. Wir stehen also in Konkurrenz mit anderen Nutzern, sobald ein Ressort eröffnet wurde. Die Touristen wollen dann auch Wasserskifahren oder Tagestouren mit Booten machen. All diese Aktivitäten steigern den Geräuschpegel an den Küsten. Das hat negative Auswirkungen auf die Fischgründe und das maritime Leben. Es kann dazu führen, dass wir in diesen Gebieten dann nichts mehr fangen.

TW: Wie vertreten die Fischerfamilien ihre Interessen den Regierungen und Investoren gegenüber?

Mitchell Lay: Häufig ist es so, dass die Entscheidungen schon getroffen sind, bis wir überhaupt davon erfahren. Dann ist es natürlich schwierig, noch zu intervenieren. Wir versuchen das trotzdem über unsere Fischerverbände auf lokaler und nationaler Ebene. Allerdings sind wir nur kleine Fischereibetriebe. Wir müssen arbeiten, um zu überleben. Wir haben keine Angestellten, die uns vertreten können, sondern müssen unsere Arbeit liegen lassen und uns selbst vertreten. Das ist unsere Realität. Wir müssen unsere Familien ernähren.

TW: Sie haben im Juni als Vertreter des Caribbean Network of Fisherfolk Organisations (CNFO) an einem Dialogforum der Ozeankonferenz der Vereinten Nationen in New York teilgenommen. Wie haben Sie die Diskussionen wahrgenommen?

Mitchell Lay: Es gab viel guten Willen, tatsächlich Strategien zu entwickeln und Vorschläge auszuarbeiten, um die Ozeane zu schützen und ihre Nutzung nachhaltig zu regeln. Allerdings ist mir aufgefallen, dass die Bevölkerungsgruppen, die die Meere am meisten nutzen, kaum vertreten waren. Fischer zum Beispiel. Das ist besorgniserregend. Ich hatte in New York den Eindruck, dass viele Regierungen sehr an einem Ausbau des Tourismus interessiert sind, aber nicht daran, diese mit bestehenden Aktivitäten wie der Fischerei zu verbinden.

TW: Eines der wichtigen Themen der Ozeankonferenz war die Einrichtung von Meeresschutzgebieten. Wie stehen Sie dazu?

Mitchell Lay: Die Diskussion um Meeresschutzgebiete empfinde ich als sehr herausfordernd, da sie die Lebensgrundlage von uns Fischern betreffen. Diese Gebiete können zudem die Ernährungssicherheit der Welt bedrohen. Das Management der Meere ist wichtig, da stimmen wir Fischer zu. Aber alle Maßnahmen müssen ernsthaft mit den Menschen diskutiert werden, die diese Gebiete nutzen. Vor allem dann, wenn diese Maßnahmen den Zugang einschränken. Und mit Beteiligung meine ich nicht hin und wieder eine Absprache oder eine Besprechung, sondern einen echten Beteiligungsprozess mit allen Interessengruppen. Wir wollen ein nachhaltiges Management der Meere. Aber der Begriff Schutzgebiet gefällt mir nicht, denn damit kann einhergehen, dass keiner das Gebiet nutzen darf.

Das Interview wurde vor der Sturmkatastrophe (Hurrikan Irma) geführt.

(September 2017, TW 88)

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