Die Killing Fields von Kambodscha

Vinod Krishnan T.Y.
Genozid im Reiseprogramm

Im Nachbarland Vietnam war es der Krieg, der Millionen Opfer forderte, doch in Kambodscha war es reiner Wahnsinn. Ein Viertel der gesamten Bevölkerung verlor in den 1970er Jahren ihr Leben durch den kriminell-wahnsinnigen Versuch der Roten Khmer, aus dem Land einen rein kommunistischen Staat zu machen. All dies geschah innerhalb von nur drei Jahren, zwischen 1975 und 1978, bis das Khmer Rouge-Regime dann im Januar 1979 von vietnamesischen Streitkräften gestürzt wurde. Einige der Orte, an denen die schlimmsten Gräueltaten verübt wurden, sind heute Mahnstätten, um Besucherinnen und Besucher über eine schmerzvolle, blutige und tränenreiche Vergangenheit aufzuklären, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Als sich die Amerikaner im April 1975 aus Vietnam zurückzogen, geriet Kambodscha innerhalb weniger Monate unter die vollständige Kontrolle der kommunistischen Partei, der die Franzosen den Spitznamen ’Khmer Rouge’ (Rote Khmer) gaben. Kurz darauf sollte die Welt Zeuge eines der entsetzlichsten Völkermorde in der Geschichte der Menschheit werden.

Die Roten Khmer wollten das Land zurück in die vermeintlich glorreiche Vergangenheit führen, in der die alte, Reis anbauende Khmer-Gesellschaft einst die Tempelanlage von Angkor errichtete. Um eine reine Bauerngesellschaft zu schaffen, wurde niemand verschont. Privateigentum, Märkte, Schulen und Religion wurden abgeschafft. Landesweit wurden Kooperativen gebildet, wo die Menschen gezwungen wurden, zusammen zu arbeiten, zu essen und zu leben. Sie mussten sich wie Bäuerinnen und Bauern kleiden, die Arbeitszeit wurde von acht auf 16 Stunden erhöht. Kambodscha wurde zu einer gigantischen Gefängnis-Farm. Auch nur die geringste Äußerung von Dissens konnte zum Tod führen. Mit mehr und mehr Konzentrationslagern und Killing Fields sollte jegliche Art von Opposition unterdrückt werden.

Das Genozid-Museum Tuol Sleng

Nichts gibt so authentisch Zeugnis von den durch die Roten Khmer verübten Gräueltaten wie die eindringlichen Gesichtsausdrücke auf den Fotos der Gefangenen, die in Tuol Sleng ausgestellt sind. Tuol Sleng war das am stärksten gesicherte Gefängnis der Roten Khmer und diente zum Verhör und zur Vernichtung von ‘Kontrarevolutionären’. Alle irgendwie Verdächtigen – Männer, Frauen, Kinder – wurden aus allen Landesteilen nach Tuol Sleng gebracht und hier inhaftiert. Fast alle der mehr als 15.000 Insassen wurden brutal hingerichtet. Heute ist Tuol Sleng ein Genozid-Museum und Teil des Reiseprogramms vieler Touristinnen und Touristen in Phnom Penh.

Tausende Fotos von Gefangenen hängen an den noch immer blutbefleckten Gefängniswänden. Bevor Gefangene in die Zellen gesperrt wurden, wurden sie fotografiert. In jedem Stadium der Folter wurden sie fotografiert und wenige Minuten vor ihrer Hinrichtung wieder. Vier Jahrzehnte später fragen uns ihre Gesichtsausdrücke: Warum bin ich hier? Warum ist das geschehen? Ihre Gesichter klagen den Führer der Roten Khmer Pol Pot, seine Paranoia und die Untaten seines Regimes an. Die Besucherinnen und Besucher betrachten die Opfer und die Opfer betrachten die Besucherinnen und Besucher. Während die Touristinnen und Touristen ihre Kameras auf die eingefrorenen Gesichtsausdrücke richten, scheinen sie zu fragen: „Warum werden wir wieder fotografiert?”

Das Killing Field von Choeung Ek

Ebenso eindrücklich ist die Ausstellung von mehreren Tausend menschlichen Totenschädeln in einem Stupa auf dem Killing Field von Choeung Ek. Es ist der Ort, an dem die Gefangenen aus Tuol Sleng hingerichtet wurden. Jeder der Schädel hinter dem Glas scheint die Besucherinnen und Besucher anzustarren – in krassem Gegensatz zum mysteriösen Lächeln der riesigen Figuren von Angkor, die vor Jahrhunderten geschaffen wurden. Die Schädel stehen symbolisch für alle Opfer von Völkermord zu irgendeiner Zeit irgendwo auf dieser Welt.

Landminen als Altlast

In ihrem zwei Jahrzehnte andauernden vergeblichen Versuch, nach ihrem Sturz durch die vietnamesische Armee 1979 die Macht zurückzugewinnen, verteilten die Roten Khmer 46 Millionen Landminen über das Land – drei Landminen pro Kopf der überlebenden kambodschanischen Bevölkerung. Geschätzte 64.000 Menschen kamen seit 1979 durch Landminen-Explosionen in Kambodscha ums Leben, über 40.000 überlebten. Die Bettelnden mit amputierten Gliedmaßen, die in Phnom Penh oder Siem Riep Touristinnen und Touristen ansprechen, sind nur einige sichtbare Opfer. In 21 Distrikten im Nordwesten Kambodschas stellen die Landminen noch immer eine große Gefahr dar. Nach Angaben der Cambodian Mine Action Authority (CMAA) würde es 400 Millionen US-Dollar kosten, bis 2025 alle Landminen und Blindgänger im Land zu räumen.

“I survived in Cambodia”

Helle T-Shirts mit dem Slogan “I survived in Cambodia” (“Ich habe in Kambodscha überlebt”), die von Kambodschanerinnen und Kambodschanern verkauft und von Tourisinnen und Touristen getragen werden, scheinen sich auf naive Weise einzugliedern in eine ganze Reihe von „I survived…“-„Überlebens“-Souvenirs, zusammen mit „I survived my trip to Paris” oder „I survived Oktoberfest”. In Kambodscha jedoch wirkt dieser Slogan mehr als nur sarkastisch. Er ist eine krasse Trivialisierung des Völkermords und der Tatsache, dass die Gräueltaten der 1970er Jahre auf das Leben der Menschen im Land noch heute schlimme Auswirkungen haben.

Die Einheimischen reden normalerweise nicht sehr bereitwillig mit Reisenden über die von den Roten Khmer begangenen Gräueltaten. Sie neigen dazu, sie aus ihrem kollektiven Gedächtnis zu streichen. Doch Tuol Sleng, die Killing Fields und die noch heute verminten Gebiete erzählen den Besucherinnen und Besuchern viel. Sie erzählen von einer Geschichte, aus der wir lernen und über die wir nachdenken müssen, um zu verhindern, dass solche grausamen Verbrechen gegen die Menschlichkeit sich jemals wiederholen – wo auch immer auf dieser Welt.

Vinod Krishnan T.Y. arbeitet beim Centre for Research & Education for Social Transformation (CREST) in Calicut, Indien. Im Rahmen seiner Forschungen zu ethnischen Minderheiten hat er sich mit den Cham in Kambodscha und Vietnam beschäftigt.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

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