Die Ambivalenz des deutschen Kolonialerbes in Namibia aus der Sicht deutscher Reiseunternehmer

Bachelorarbeit von Lars Scheerer (März 2011)

Die Kolonialherrschaft der Deutschen über Südwestafrika war nur von kurzer Dauer. Dennoch prägte sie das Land stark und auch heute noch hat das Erbe der Kolonialvergangenheit großen Einfluss auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Strukturen Namibias. Dies wird insbesondere durch die von den Kolonialherren geschaffenen und noch heute persistenten Raumstrukturen deutlich, welche speziell für den Tourismus in Namibia ein gestaltender Faktor sind. Allerdings unterliegt das Erbe gegenwärtig noch immer einigen gesellschaftspolitischen Spannungen und scheint aus namibischer Sicht ein ambivalentes, mehrdeutiges Phänomen darzustellen. Die vorliegende Arbeit untersuchte die Ambivalenz des deutschen Kolonialerbes in Namibia aus der Sicht deutscher Reiseunternehmer, um diese - anknüpfend an RODRIAN (2009) - in die Diskussion um das deutsche Kolonialerbe in Namibia einzubringen.

Aus den Ausführungen dieser Arbeit geht deutlich hervor, dass das deutsche Kolonialerbe in Namibia ein ambivalentes, mehrdeutiges Phänomen darstellt. Zum einen stehen sich die aus der Literatur hervorgehende negativ konnotierte Kolonialvergangenheit und die trotzdem von der namibischen Tourismusbehörde verstärkte Umwerbung deutscher Touristen gegenüber. Zum anderen impliziert heritage als sozio-kulturelles Konstrukt per se eine Mehrdeutigkeit. Die Befragung von deutschen Reiseunternehmern belegte diese Mehrdeutigkeit des Kolonialerbes auf mehrere Weisen, wie in Kapitel 6 dargestellt wurde.

Das problemzentrierte Interview als Erhebungsinstrument der qualitativen Sozialforschung und das anschließende thematische Kodieren stellten sich dabei als sehr geeignet für die Erörterung der Fragestellungen dieser Arbeit heraus. Es konnten damit zielgerichtet die Wahrnehmungen der Reiseunternehmer bezüglich des Erbes erfasst und analysiert werden. Die Analyse der Interviews gibt zu erkennen, dass die Reiseunternehmer das deutsche Kolonialerbe in Namibia noch heute als sehr präsenten sowie gesellschaftlich, kulturell und ökonomisch prägenden Faktor wahrnehmen. Sie messen dem Kolonialerbe eine gegenwärtige Bedeutung bei und bewerten das Erbe aus heutiger Sicht als positiv für das Land Namibia, insbesondere für dessen Tourismusindustrie. Dies steht im Gegensatz zu den von RODRIAN (2009) befragten Touristen, die das deutsche Kolonialerbe zum Teil als sehr negativ wahrnehmen und sogar dessen Daseinsberechtigung absprechen. Diese extrem unterschiedlichen Bedeutungszumessungen des Erbes unterstreichen besonders die Ambivalenz des deutschen Kolonialerbes in Namibia. Doch trotz der sehr positiven Wahrnehmung des Kolonialerbes gehen alle befragten Reiseunternehmer offen mit dem kolonialen Erbe um und sprechen auch die negativen Elemente im Dialog mit den Touristen an. Das Kolonialerbe sehen alle Reiseunternehmer übereinstimmend nicht als touristische Haupt- sondern, wenn überhaupt, als Nebenattraktion.

Es ist anzumerken, dass diese Arbeit die Sichtweisen von nur vier Reiseunternehmern darstellt. Um eine Repräsentativität zu gewährleisten, müssten zukünftig noch deutlich mehr deutsche Reiseunternehmer zum Thema befragt werden. Des Weiteren ergeben sich aus dieser Arbeit dabei auch offene, neue Fragen, die mögliche Anhaltspunkte für weitere Untersuchungen geben. So sind aus der Sichtweise der Reiseunternehmer die gesellschaftspolitischen Spannungen nur noch auf politischer Ebene vorhanden. Eine Aussöhnung zwischen der deutschen und namibischen Bevölkerung ist aus ihrer Sicht nicht mehr nötig. Hat aber die namibische Bevölkerung die Kolonialherrschaft wirklich als Teil ihrer Geschichte akzeptiert und die damit verbundenen negativen Aspekte überwunden? Müssen deshalb keine Anstrengungen mehr zur Bewältigung der Vergangenheit unternommen werden? Um eine umfassende Diskussion über das deutsche Kolonialerbe in Namibia führen zu können, ist es folglich unabdingbar, alle Akteure - nicht nur Touristen und Reiseunternehmer - auf allen Ebenen in beiden Ländern mit einzubeziehen.

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