„Der Schutzwall bin ich!“

Antje Monshausen
Gemeinsam gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern in Cartagena

„La Muralla“, der koloniale Schutzwall  Cartagenas, umschließt die Altstadt der Karibikmetropole im Norden Kolumbiens, die als Welterbestätte jedes Jahr hunderttausende Touristen anzieht. Mit der Mauer schützten die Spanier im 16. Jahrhundert das, was ihnen am wichtigsten war: Gold und Rohstoffe. Heute ist „La Muralla“ das Symbol einer einzigartigen Strategie, mit der alle Akteure der Stadt - Zivilgesellschaft, Tourismusverbände, Hotels, Strandverkäufer, Taxifahrer und Sonnenschirmverleiher, Jugendorganisationen, Schulen, Polizei und Staatsanwaltschaft - das schützen wollen, was ihnen am wichtigsten ist: Die Mädchen und Jungen der Stadt. Sie alle sagen voll Stolz: „¡La Muralla soy yo!“ - „Der Schutzwall bin ich!“.

Cartagena ist der wichtigste touristische Hotspot des Landes, beheimatet den größten Industriehafen Kolumbiens und ist Schauplatz großer Ungleichheiten und Gegensätze. An der Küste wachsen die Wolkenkratzer in den Himmel, die Altstadt ist wunderschön restauriert – doch auf den Straßen suchen die Armen der Stadt und die Hoffnungsfrohen aus anderen Teilen des Landes sowie immer mehr Geflüchtete aus Venezuela ihr Glück – unter ihnen viele Kinder.

Als die Nichtregierungsorganisation „Fundacion Renacer / ECPAT Colombia“ 1996 begann, in der Hafenstadt erste Recherchen zum Phänomen der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen durchzuführen, wurde sichtbar, dass viele Kinder in der Stadt von Gewalt und Vernachlässigung in den Familien, organisierter Kriminalität, sexualisierter Gewalt und Drogenhandel betroffen waren. Und es wurde schnell klar, dass die Seeleute auf den Frachtschiffen und Touristen aus dem In- und Ausland eine Gefahr für die Kinder darstellten. Es war für sie nicht schwer, etwas Aufmerksamkeit, Kleidung und Geld gegen Sex mit Kindern zu tauschen. Die Tourismuswirtschaft ignorierte das Thema lieber und die Bürgermeister, die selten länger als ein Jahr im Amt waren, hatten Prestigeprojekte im Kopf anstelle von langfristigen Strategien zum Kindesschutz.  

Den informellen, komplementären Tourismussektor einbeziehen

Fundacion Renacer startete 2008 mit dem Projekt „¡La Muralla soy yo!“ eine breit angelegte Kindesschutzstrategie. Taxifahrer und Taxifahrerinnen waren von Anfang an eine wichtige Zielgruppe, weil sie überall in der Stadt unterwegs sind und viel Kontakt mit Gästen haben. Heute haben 1.300 von 12.000 Taxifahrern mindestens eine 2-stündige Schulung durchlaufen. Sie sind sensibilisiert und wissen, wie sie auffällige Beobachtungen melden können. Auch Straßenverkäuferinnen, Masseure und Sonnenschirmverleiher kamen schnell in den Fokus. Doch wie erreicht man Menschen im informellen Sektor, die jeden Tag hart arbeiten, um finanziell durchzukommen, aber keine Kantinen oder Personalräume, geschweige denn Betriebsversammlungen haben? Renacer entwickelte mit der Universität Cartagena einen 120-stündigen Diplomkurs mit praktischen und relevanten Inhalten für die Händlerinnen und Händler. Sie lernten Verkaufs- und Verhandlungstechniken oder bekamen Rechtsberatung und Sprachkurse. Doch in allen Fächern wurde auch immer der Schutz von Kindern  thematisiert. So gelang es damals, 71 Personen auszubilden, von denen sich immer noch viele als Multiplikatoren engagieren.

So wie das Ehepaar Reinaldo und Nayibi oder der Schirmverleiher Victor, der stolz berichtet, am Strand bereits sechs Täter identifiziert und angezeigt zu haben. Reinaldo und Nayibi sind auch am Strand unterwegs und verkaufen Handtücher und Schmuck. Seit dem Universitätskurs engagieren sie sich auch in ihrer eigenen Nachbarschaft, gehen in andere Stadtviertel und erzählen dort in Kirchen, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern eine Verletzung der Gebote Gottes ist. „Ich bin dankbar, dass Renacer uns, die Verkäufer im informellen Sektor, von Anfang an nicht als Hindernis, sondern als Partner und Potential im Kindesschutz angesehen hat“, sagt Renaildo.

In jedem Winkel der Stadt präsent sein

An diesem Tag sitzen Renaildo und Nayibi neben Amaury Tatis, einem von fünf auf Kindesschutz spezialisierten Tourismuspolizisten in Cartagena. Für ihn ist die Sensibilisierungsarbeit, die in den Stadtteilen geleistet wird, besonders wertvoll. „Am wichtigsten ist die Prävention, denn der Schaden an den Kindern kann nie wieder gut gemacht werden. Und wir müssen präsent sein und Vertrauen aufbauen, denn nur dann melden die Obstverkäufer und Straßenhändler, die Taxifahrer und Rezeptionisten in den Hotels, Verdachtsfälle.“ Und tatsächlich: allein in der ersten Hälfte 2018 konnten 80 Personen im Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung von Minderjährigen verhaftet werden, vielen von Ihnen wird mittlerweile der Prozess gemacht. Mit dafür verantwortlich sind auch die Meldungen, die aus den ärmeren Vierteln der Stadt kommen, sagt der zuständige Staatsanwalt, der von mittlerweile zehn spezialisierten Ermittlern unterstützt wird. Überall in der Stadt hat Renacer Sozialarbeiterinnen und Lehrer in Schulen weitergebildet, sowie Hunderte von Jugendlichen direkt erreicht. „Wir wissen nun, dass wir Rechte haben und dass uns niemand unsere Rechte nehmen kann“, sagt eine 17-jährige, die sich in der Schule zur Trainerin für Kindesschutz ausbilden lässt und nun selbst jüngere Schülerinnen und Schüler sensibilisiert. Ein Mitschüler ergänzt, dass es für ihn wichtig war, zu lernen, wie man sexuelle Anbahnungen im wirklichen Leben und im Internet erkennt und sich wehren kann. Renacer hat auch Kurse für Eltern angeboten. Von ihnen haben sich einige sogar dauerhaft zu einem Eltern-Netzwerk zusammengeschlossen, was überall in der Stadt nun weitere Eltern sensibilisiert. Der Verband hat im letzten Jahr den ersten Platz beim Kindesschutzwettbewerb der Stadt gewonnen.

Strenge Regeln bei der Umsetzung des internationalen Kindesschutzkodex

Und die Hotels und Restaurants? Nach anfänglicher Skepsis haben in den letzten zehn Jahren 112 Unternehmen in Cartagena den Verhaltenskodex zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung im Tourismus unterschrieben und setzen ihn aktiv um. „Ganz wichtig war für uns zu verstehen, dass Kinder und Jugendliche, die in der Prostitution arbeiten, nicht einfach schnelles Geld machen, sondern Opfer von Menschenrechtsverletzungen und sexualisierter Gewalt sind“, sagt eine Personalverantwortliche in einem Hotel. Alle 112 beteiligten Hotels, Restaurants und Busunternehmen durchlaufen verpflichtend 3-tägige Schulungen und entwickeln Aktionspläne zur Kommunikation und Sensibilisierung. An den Schulungen müssen mindestens 90% aller Mitarbeitenden teilnehmen und neue Mitarbeitende müssen mindestens eine Online-Schulung absolvieren. Renacer überprüft die Umsetzung bei unangekündigten Besuchen. Sogar die Tourismuspolizei besucht die Hotels und motiviert zur Umsetzung des Verhaltenskodex. Er ist für sie ein wichtiges Instrument, um eine nationale Verordnung zum nachhaltigen Tourismus umzusetzen. Entdecken sie bei einem Hotel Defizite, so wird nachdrücklich empfohlen, gemeinsam mit Renacer den Kodex umzusetzen.

„Wir haben in Cartagena schon viel erreicht, aber wir müssen unsere Maßnahmen noch verschärfen, damit kein Kind mehr Opfer von sexueller Ausbeutung wird“ sagt der städtische Tourismusverband, der mittlerweile einer der Haupakteure bei „¡La Muralla soy yo!“ ist. Der neu gegründete „Runde Tisch zur Prävention von sexueller Ausbeutung von Kindern im Tourismus“, an dem die Staatsanwaltschaft, Polizei, Migrationsbehörden, Tourismuswirtschaft und Zivilgesellschaft sitzen, geht nun den wichtigen Schritt der Institutionalisierung. „¡La Muralla soy yo!“ ist nicht nur ein Projekt oder eine Kampagne, es ist eine dauerhafte Strategie der Stadt, in der alle Akteure vertrauensvoll und intensiv zusammenarbeiten“, sagt Humberto Padilla Martinez von Renacer.

Cartagena – ein Beispiel nicht nur für Kolumbien

Cartagena hat in ganz Kolumbien weiterhin das Image der Hauptstadt des Sextourismus – und es stimmt, dass Kinder dort weiterhin erheblichen Risiken ausgesetzt sind und immer noch zu viele Kinder missbraucht werden. Doch die Stadt ist mittlerweile auch der nationale Champion in Bezug auf Meldungen von Verdachtsfällen und bei Verhaftungen.

Kolumbien selbst war 2017 unter den Top 5 der weltweit am schnellsten wachsenden Reiseländer. Der Tourismus boomt in den etablierten Urlaubsorten, aber er nimmt auch in den ehemaligen Bürgerkriegsgebieten stark zu, wo es noch kaum Kindesschutzanstrengungen gibt. Aber Kolumbien ist auch das Land, mit den meisten Unterzeichnern des globalen Kindesschutzkodex  im Tourismus. Das Land hat eine Verordnung zum verantwortungsvollen Tourismus und eine staatliche Destinationszertifizierung, in der Kindesschutz ein wichtiges Thema ist.

So war es nur folgerichtig, dass das Land, gemeinsam mit ECPAT International, UNICEF, Fundacion Renacer und anderen, als Gastgeber zum „Internationale Gipfel zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung auf Reisen und im Tourismus“ vom 6.-7. Juni 2018 nach Bogota eingeladen hat. Dort haben mehr als 400 Vertreter der Zivilgesellschaft, von staatlichen Stellen und aus der Tourismuswirtschaft sich zwei Tage über neue Entwicklungen ausgetauscht und über Strategien beraten. Ein „Call for Action“ ruft international zu mehr Anstrengungen aller Akteure auf, weil durch das Wachstum des Tourismus global auch immer mehr Kinder Opfer von sexueller Ausbeutung im Kontext des Reisens werden. Es bleibt zu hoffen, dass das Beispiel Cartagena Schule macht. Denn es zeigt, dass mit politischem Willen und gemeinsamen Anstrengungen, ein Schutzwall gebildet werden kann, damit weniger Kinder Opfer sexueller Ausbeutung werden.

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