An den richtigen Stellschrauben drehen

Ute Dilg-Saßmannshausen
Wie kann Tourismus klimaschonender werden?

„Es gibt zu viele Fragen und nicht genug Antworten“, sagte Susanne Becken und meint damit die Zukunft des Tourismus. Eine dieser offenen Fragen, so die Professorin für nachhaltigen Tourismus an der australischen Griffith University, lautet: Wie kann der Tourismus CO2-neutral werden? In ihrem Beitrag zum diesjährigen World Travel Market (WTM) Responsible Tourism Day Anfang November wies Becken auf das Wachstum des weltweiten Tourismus von zuletzt fast 5 Prozent hin. Im Jahr 2016 wurden nach Angaben der UNWTO über 1,23 Milliarden grenzüberschreitende Reiseankünfte weltweit gezählt. Zum Vergleich: 1950 waren es 25 Millionen. Mit diesem Wachstum geht eine immense Zunahme des CO2-Fußabdrucks der Branche einher. Dabei sollte die Marschrichtung in die umgekehrte Richtung gehen, so sieht es das Pariser Klimaabkommen vor.

Nötige Einsparungen im Hotelsektor

Bis 2030 müsste der Hotelsektor seine Emissionen um 66 Prozent reduzieren, bis 2050 sogar um 90 Prozent, um die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Zu diesem Schluss kommt der kürzlich erschienene Hotel Global Decarbonisation Report, herausgegeben von der International Tourism Partnership (ITP), einem Branchenverband der großen Hotelketten. Ziele, die erreichbar sind, so glaubt ITP Direktorin Fran Hughes. Auch Faith Taylor, zuständig für CSR bei der Hotelgruppe Wyndham Worldwide ist optimistisch. Taylor berichtete am Rande des World Travel & Tourism Council Summit in Bangkok im April 2017, dass der global agierende Hotelkonzern  seine CO2-Emissionen seit 2010 um 22 Prozent reduziert habe. Dies sei vor allem durch Energieeffizienz, den Einsatz von erneuerbaren Energien und den Kauf von Klimazertifikaten gelungen. Taylor setzt auf den technologischen Fortschritt: Mit Hilfe eines neuen computergesteuerten Monitoring-Systems soll der CO2-Ausstoß der Hotelgruppe bis 2025 um 40 Prozent sinken.

CSR keine Lizenz zum Wachstum

Becken hat Zweifel, dass derartige Bemühungen genügen: „Die schrittweisen Verbesserungen vor allem im Bereich Energieeffizienz reichen nicht, um das Wachstum der gesamten Branche zu kompensieren.“ Schlimmer noch: Es bestehe die Gefahr, dass CSR-Maßnahmen als Lizenz zum Wachstum missbraucht würden. „Uns läuft die Zeit davon“, warnte Becken. Nach heutigen Schätzungen hat die Menschheit noch etwa 17 Jahre Zeit, den weltweiten Temperaturanstieg auf 2 Grad Celsius zu begrenzen und damit – so der derzeitige wissenschaftliche Konsens – die Klimafolgen beherrschbar zu halten. Die Wissenschaftlerin appellierte an die verantwortlichen Planer und Manager, touristische Investitionen strategischer und proaktiver zu planen. Etwa bei neuen Anlagen an den Küsten den Anstieg des Meeresspiegels und mögliche Stürme im Blick zu haben. „Bereitet Euch auf die Folgen des Klimawandels vor!“, mahnte sie.

Tourismus hat seinen Preis

Vor allem aber stelle sich die Frage, so Becken, ob Tourismus wirklich überall ein Mittel zur Entwicklung sein könne und an welchen Standorten ein nachhaltiger Fremdenverkehr auf lange Sicht überhaupt möglich sei. Regierungen müssten sich ehrlich fragen, was die Kosten und Nutzen eines weiteren touristischen Wachstums seien. „Tourismus hat seinen Preis“, gab die Professorin zu bedenken. So konkurrieren Hotels und Ressorts mit der lokalen Bevölkerung um Ressourcen, wie Wasser und Land. Sie produzieren Müll, der entsorgt werden muss. Und nicht zuletzt produzieren Reisen viel Kohlendioxid, gerade auch durch den Flugverkehr. Becken rief zu radikalen Veränderungen auf. „Wir müssen heute die Weichen für die Zukunft stellen und völlig neue Wege gehen.“

Weitere Informationen:

Vortrag von Professor Susanne Becken, Griffith University, Australien bei der WTM 2017 in London

Interview mit Faith Taylor beim World Travel & Tourism Council Summit

Hotel Global Decarbonisation Report

Tirol statt Tropen: Der Umwelt zuliebe aufs Fliegen verzichten?(Frankfurter Rundschau)

(November 2017, TW 89)

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