Burma-Tourismus im Zwiespalt

Christine Plüss
"Myanmar – Lass uns die Reise beginnen"

Seit dem politischen "Tauwetter" in Burma, das nach 50 Jahren blutigster Militärdiktatur Hoffnung erweckt auf einen Übergang zur Demokratie, ist der touristische "Rush" so richtig ausgebrochen. Die Hotelzimmer sind ausgebucht, die Preise für Touristen steigen rasant, kaufkräftige Investoren treiben die Spekulation um neue Tourismusresorts an, während Einheimische dem neuen boomenden Wirtschaftszweig nach wie vor oft ohne angemessene Entschädigung Platz machen müssen und im besten Fall noch Brosamen des neuen "Tourismusmanna" erhalten. Noch herrscht in Burma längst keine Demokratie, wo Anwohner von neuen Tourismusresorts und Angestellte in den neuen Tourismusbetrieben zu ihren Rechten kommen.

Umso wichtiger ist es, dass jetzt Reisende für ihre Vorbereitung fundierte, praktische Tipps an die Hand bekommen. Die neue Broschüre "Myanmar – Lass uns die Reise beginnen" bringt Empfehlungen für Reisende mit vielen griffigen Tipps auf den Punkt. Ansprechend ist besonders der Einstieg mit verschiedenen Porträts von Menschen in Burma, von denen wir erfahren, was sie jetzt vom Tourismus erwarten, wie sie mit dem aufkommenden Wirtschaftszweig Pläne für sich entwickeln, aber auch wovor sie sich fürchten.

Der kleine Reiseführer der Naturfreunde Internationale bietet – ganz im Einklang mit dem neuen Slogan der Regierung Myanmars – einen einfachen, aber wichtigen Einstieg. Eine wichtige Ergänzung dazu wäre ein Buch, das Aufschluss über die Geschichte des heutigen Vielvölkerstaates Burma gibt. Denn es verwundert, dass ein Reiseführer die Geschichte von "Burma" erst im 20. Jahrhundert, bei der Unabhängigkeit aus dem britischen Protektorat nach dem Zweiten Weltkrieg, ansetzt – mit Ausführungen über die fehlgeschlagenen Vereinbarungen unter den 135 verschiedenen Volksgruppen des neuen Staates "Burma", die sich in der Folge mit jahrzehntelangem militärischem Kampf gegen eine Zentralregierung auflehnten. Das gibt genau die Sprache der Generäle wieder, die u.a. diesen Kampf gegen die "Aufständischen" über 50 Jahre hinweg zum Vorwand für ihre Legitimierung der Diktatur genommen haben. Da wäre von den Autoren mehr Weitsicht zu wünschen: Die Spannungen im Vielvölkerstaat sind auch ein Erbe der Kolonialzeit, Volksgruppen dürfen in einem heutigen Reiseführer nicht einfach als rebellische Aufständische erscheinen. Vielmehr muss klar werden, dass die Volksgruppen im Hinblick auf eine tragfähige Demokratie in Burma vollumfängliche Anerkennung ihrer Rechte und Mitsprache über die Entwicklung des Landes erhalten müssen.

Dass auch unter der Militärjunta der Tourismus "wesentlich zur Verbesserung der Lebenssituation vieler Menschen beigetragen" hat, wie der Generalsekretär der Naturfreunde Internationale, Christian Baumgartner, einleitend ausführt, ist nicht belegt. Vielmehr wird in der Broschüre selbst aufgezeigt, dass bislang vor allem militärnahe Geschäftsleute mit ihren Investitionen in Hotels und Airlines das große Geschäft im Tourismus machten. Die Burmesinnen und Burmesen leben in ihrer großen Mehrheit auf dem Land, kommen bei all den noch immer von Behörden und Militär geforderten "Gemeinschaftsleistungen" kaum auf einen Ertrag, können die Kinder vor diesem Hintergrund nicht in die Schule schicken und sind weit entfernt von jeglicher Beteiligung am Tourismus. Im schlimmsten Fall müssen sie ihr Land hergeben, weil da neue Tourismusresorts oder Industriestandorte und Freihandelszonen erbaut werden sollen. Bisher haben sie kaum Möglichkeiten, beim Regime ihre Rechte wirksam einzufordern, wie es jetzt im Übergang zur Demokratie so wichtig wäre. Entscheidend ist deshalb, dass Reisende sich schon beim Buchen erkundigen, wie ihre Herberge entstanden ist, wem sie gehört und ob die Beschäftigten unter fairen Bedingungen arbeiten.

Myanmar – Lass uns die Reise beginnen. Von Nicole Häusler und Martin H. Petrich. Hg. Naturfreunde Internationale, Wien, 2013. 24 Seiten. Download: www.nf-int.org/myanmar. Bestellung gegen Versandgebühr: office@nf-int.org

Diese Rezension ist eine gekürzte Fassung des ausführlicheren Beitrags von Christine Plüss unter www.fairunterwegs.org/de/aktuell/news/article/nicole-haeusler-martin-h-p.... Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

(3.758 Zeichen, Dezember 2013)