Arbeit und menschliche Entwicklung

Christina Kamp
„Human Development Report (HDR) 2015“

Menschenwürdige Arbeit steht als achtes Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG) mit ganz oben auf der Prioritätenliste für die neue globale Entwicklungsagenda ab 2015 – und das aus gutem Grund. Der „Bericht über die menschliche Entwicklung 2015“ des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) beschreibt die positiven Entwicklungswirkungen von Arbeit. Er zeigt aber auch, dass diese voraussetzungsreich sind – auch im Tourismus.

Arbeit unter dem Blickwinkel menschlicher Entwicklung ist wesentlich umfassender als der Fokus auf reine Beschäftigungsverhältnisse. Sie generiert Einkommen, sichert Lebensunterhalt und mindert die Armut. Sie erweitert die Wahlmöglichkeiten der Menschen und ermöglicht gesellschaftliche Beteiligung, stiftet Sinn und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Der HDR 2015 mit dem Titel „Arbeit und menschliche Entwicklung“ macht aber auch deutlich, dass diese positiven Wirkungen keineswegs automatisch zustande kommen. Einige Formen von Arbeit, wie z.B. Kinder- oder Zwangsarbeit, richten großen Schaden an, weil sie die Menschenrechte und die Menschenwürde verletzen, Freiheit und Selbstbestimmung einschränken und Gesundheitsschäden verursachen.

Von Gleichberechtigung noch weit entfernt

Ebenfalls kontraproduktiv ist die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt. Das gilt sowohl im Erwerbsleben als auch für die vielen unbezahlten Tätigkeiten, die überproportional von Frauen verrichtet werden. Frauen leisten den größten Teil der Hausarbeit, betreuen und pflegen Angehörige oder arbeiten unbezahlt in Familienbetrieben mit. Oft haben sie keine andere Wahl. „Es muss schnell gehandelt werden, um gegen die tief verwurzelten geschlechtsspezifischen Ungleichheiten anzugehen“, heißt es in dem Bericht.

Als eines der Arbeitsfelder, die Frauen neue Chancen eröffnen können, wird Ökotourismus genannt. Doch dazu bräuchte es die entsprechende Infrastruktur und es müssten traditionelle Hindernisse beseitigt werden, wie zum Beispiel beim Zugang zu finanziellen Mitteln.

Neue Zielvorgaben für menschenwürdige Arbeit

Im September 2015 haben die Vereinten Nationen die neuen „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ („Sustainable Development Goals“) sowie konkrete Zielvorgaben verabschiedet, die bis 2030 die internationalen Entwicklungsprioritäten definieren und für alle Länder maßgeblich sind. Laut SDG-Zielvorgabe 8.8 gilt es, Arbeitnehmerrechte zu schützen und sichere Arbeitsumgebungen für alle Arbeitnehmer zu fördern – einschließlich Arbeitsmigranten und insbesondere -migrantinnen und Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen.

„In der Hotelbranche sind viele Beschäftigte nicht unmittelbar bei der jeweiligen Hotelkette angestellt, sondern als Zeitarbeitnehmer anderer Unternehmen, die Tätigkeiten in den Bereichen Wäscherei, Küche, Reinigung oder Pflege der Außenanlagen anbieten“, stellt der HDR fest. Arbeitskräfte in ausgelagerten Betriebsbereichen sind besonders gefährdet, ausgebeutet zu werden (vgl. Interview mit Neill Wilkens).

SDG-Zielvorgabe 8.9 („Bis 2030 Politiken zur Förderung eines nachhaltigen Tourismus erarbeiten und umsetzen, der Arbeitsplatze schafft und die lokale Kultur und lokale Produkte fördert“) nennt explizit den Nachhaltigkeitsbedarf im Tourismussektor. Weitere für die Arbeit im Tourismus relevante Zielvorgaben richten sich gegen Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Menschenhandel sowie gegen sexuelle Ausbeutung.

Politische Handlungskonzepte

Wesentliche notwendige Veränderungen in der Arbeitswelt beinhalten laut dem Bericht einen besseren Sozialschutz, existenzsichernde Einkommen, die Stärkung der Gewerkschaften, wirksame Gesetze und Vorschriften, Mindestlöhne und den Schutz von Arbeitnehmerrechten. Als sinnvolle Strategien zur Unterstützung von Arbeitsmigranten nennt der Bericht die Ausweitung von Programmen für Saisonarbeiter in Sektoren wie der Landwirtschaft und dem Tourismus, die ihnen zu mehr Sicherheit, Schutz und Rechten verhelfen.

Arbeit kann zur menschlichen Entwicklung beitragen, wenn sie Sicherheit bietet, wenn sie erfüllt und befriedigt, beruflichen Aufstieg, Partizipation und Interaktion ermöglicht und Flexibilität bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Chancengleichheit für Frauen und Männer gewährleistet.

Der Bericht skizziert zudem das Konzept „nachhaltiger Arbeit“, die auch die ökologische Nachhaltigkeit stärkt – und damit die menschliche Entwicklung heutiger und künftiger Generationen. Dafür müssen Arbeitsfelder stillgelegt werden, wenn sie nicht zukunftsfähig sind (wie z.B. der Kohleabbau). Andere Bereiche (zum Beispiel das Verkehrswesen) müssen deutlich umweltfreundlicher werden. Wieder andere Arbeitsfelder, wie zum Beispiel im Bereich erneuerbare Energien, müssen neu geschaffen und gestaltet werden.

Menschliche Entwicklung als Orientierungsrahmen

Auch der diesjährige HDR enthält wieder ein Länderranking nach dem Index der menschlichen Entwicklung (HDI) sowie weitere umfangreiche Statistik-Tabellen. Das Konzept der menschlichen Entwicklung – die Erweiterung der Wahlmöglichkeiten, die Betonung eines langen, gesunden und kreativen Lebens sowie der Notwendigkeit, Verwirklichungschancen auszuweiten und neue Handlungsoptionen zu schaffen – bietet einen Rahmen, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Damit setzt der HDR Standards für das gesamte UN-System.

Zur Förderung eines nachhaltigen Tourismus hätte damit auch die Welttourismusorganisation (UNWTO) eine wertvolle Orientierung, um statt wenig aussagefähiger Wachstumszahlen zu internationalen Touristenankünften die Vor- und Nachteile des Tourismus unter Entwicklungsaspekten in den Blick zu nehmen.

Arbeit und menschliche Entwicklung. Bericht über die menschliche Entwicklung 2015. Hg. Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP). Deutsche Ausgabe: Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN). New York/Berlin 2015. 312 Seiten. ISBN 978-3-830536-18-5

(5.686 Zeichen, Dezember 2015, TW 81)