Ahnen, Rebellen und Touristen

Dr. Kundri-Böhmer-Bauer
Nutzungsrechte und Deutungshoheit des Weltkulturerbes Great Zimbabwe

Als älteste Stadt Afrikas südlich der Sahara zählt Great Zimbabwe zu den touristischen Highlights jeder Simbabwe-Reise. Seit über 500 Jahren dienen die Ruinen der Legitimierung unterschiedlichster Weltanschauungen – mit Auswirkungen auf die Lokalbevölkerung, auf in- und ausländische Touristen und auf die Informationen, die ihnen vermittelt werden.

Als die junge Republik Simbabwe – hervorgegangen aus dem von einer weißen Minderheit beherrschten Rhodesien – 1980 unabhängig wurde, benannte sie sich nach der einstigen Metropole. Wie früher unter den Kolonialisten, wurden die Ruinen zum Nationalsymbol erhoben und entwickelten sich zum Touristenmagnet. Das geschah zwar unter neuen Vorzeichen, doch mit ähnlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung: Ihr blieb weiterhin die rituelle Nutzung des Ortes verboten.

Früher Abenteuertourismus zu „König Salomos Minen“

Great Zimbabwe war vom 13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts durchgängig besiedelt und gilt als frühestes Zeugnis von Urbanisierung im südlichen Afrika. In der Stadt mit Berganlage und massiven Ringumfriedungen im Tal lebten bis zu 30.000 Personen.

Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts hielten im Land lebende Portugiesen die Steinbauten für die Stadt der Königin von Saba und für die Goldminen König Salomos. Diese Behauptungen wurden in Romanen und Reiseberichten noch weiter ausgeschmückt, so dass sie im 19. Jahrhundert zum europäischen Allgemeinwissen zählten. Glücksritter machten sich auf, die Ruinen zu lokalisieren. Dem Ludwigsburger Carl Mauch gelang es schließlich 1871 auch. Die im Umkreis lebende Bevölkerung nutzte die Ruinen damals für Erntedank- und Regenriten.

Kolonialer Mythos für weiße Touristen

Als Cecil Rhodes mit seiner British South Africa Company 1890 das Gebiet eroberte, erkannte er sofort den Propagandawert einer früheren außerafrikanischen Besiedlung. Sie diente der Rechtfertigung der britischen Vorherrschaft vom Kap bis Kairo. Besucher der Ruinenstadt wurden von der angeblichen phönizischen Besiedlung der Region unterrichtet. Als 1905 der afrikanische Ursprung der Ruinen bewiesen war, wurde dies von den weißen Siedlern weiter ignoriert. Zwar war jetzt klar, dass Vorfahren der Shona Great Zimbabwe erbaut hatten, doch noch 1938 warb ein Plakat der Regierung unter dem Titel „Zimbabwe – The Riddle of Rhodesia?“ mit der Königin von Saba, die geisterhaft weiß den Ruinen entstieg.

Unter Ausschluss der Einheimischen

Die lokale Bevölkerung durfte in Great Zimbabwe keine Zeremonien abhalten. Zum einen wollten die Rhodesier die Erstarkung eines afrikanischem Nationalbewusstseins verhindern, zum anderen war die Stadt 1937 zum „National Monument“ erklärt worden und Touristen vorbehalten. Museumspublikationen und Ausstellungstücke, die Touristen und der heimischen Öffentlichkeit zugänglich war, wurden zensiert.

Mit dem aufkommenden afrikanischen Nationalismus in den 1960er Jahren kam es zur Wiederbelebung traditioneller Religion. Spirit-Medien, seit Jahrhunderten bei den Shona wichtige Sprachrohre der Ahnen und Agitatoren in Krisenzeiten, erhoben ihre Stimmen. Obwohl von der Regierung verboten, ließ sich Sophia Tsvatayi Muchini, das hochrangigste Medium, in Great Zimbabwe nieder. Sie rekrutierte während des Befreiungskrieges Soldaten, organisierte den Widerstand und beriet die Rebellen. Mehrmals wurde sie verhaftet.

Für Ahnenverehrung weiterhin geschlossen

Als Great Zimbabwe auch nach dem Unabhängigkeitskrieg (1972‒1979) im jungen Simbabwe zum Nationalsymbol erklärt worden war, entwickelte sich der Ort erneut zur Attraktion für in- und ausländische Touristen. Die Erwartungen der ansässigen Bevölkerung, jetzt die alte Stadt für die Ahnenverehrung nutzen und wieder in Great Zimbabwe wohnen zu dürfen, wurden herb enttäuscht. Die Ansiedlung von Sophia Tsvatayi Muchini wurde erneut – diesmal von den eigenen Leuten – gewaltsam verhindert.

Als Great Zimbabwe 1986 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, verschärfte die Regierung die Restriktionen. Touristen sollten nicht mit Aktivitäten der lokalen Bevölkerung konfrontiert werden und der Ort sollte für die Forschung bewahrt werden. Trotzdem wurden zwischen 1992 und 1996 heimlich Zeremonien in Great Zimbabwe abgehalten. Mit Recht warfen die Anwohner den Vertretern der nationalen Organisation für Museen und Denkmalpflege in Simbabwe (NMMZ) vor, nur dem Tourismus und den Regeln des internationalen Rates für Denkmalpflege (ICOMOS) und des UNESCO Welterbezentrums (WHS) Rechnung zu tragen, nicht aber den Bedürfnissen der Bevölkerung, ihre Kultur zu leben.

Annäherung und Kompromisse

Inzwischen hat durch jahrelanges Bitten der ansässigen Clans eine Annäherung zwischen Bevölkerung, NMMZ und Politik stattgefunden. So wurde im Jahr 2000 eine heilige Quelle feierlich wieder geöffnet, die 1950 von der rhodesischen Regierung versiegelt worden war, um eine spirituelle Nutzung von Great Zimbabwe zu verhindern. Die Zeremonie wurde von den NMMZ gesponsert. Great Zimbabwe ist heute sowohl als Nationalsymbol als auch als spiritueller Ort anerkannt. Kontrolliert von den NMMZ dürfen lokale und nationale Zeremonien stattfinden.

Great Zimbabwe zeigt, wie touristische Informationen manipulativ eingesetzt wurden und werden können, um Unrechtsregime zu stützen. Reisende hören nur, was sie hören dürfen, hören wollen bzw. aufgrund des eigenen Wissenshorizonts hören können.

Das Ringen um die Nutzung der Ruinenstadt verdeutlicht, wie Tourismus und Wissenschaft konträr zu den Bedürfnissen von Teilen der Bevölkerung stehen können. Es zeigt aber auch, dass es Kompromisse gibt, die für die Bevölkerung akzeptabel sind, dem Land Einkünfte durch Tourismus sichern und dazu beitragen, das Welterbe zu bewahren.

Dr. Kundri Böhmer-Bauer ist Ethnologin und Dozentin an der Universität der Bundeswehr. Als interkulturelle Trainerin auf Sicherheitsseminare für Krisenregionen spezialisiert.

(5.783 Zeichen, September 2016, TW 84)

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