Afrikanische Erfahrungen mit Freiwilligen

Dokumentarfilm "Blickwechsel - Sichtweisen auf Deutsche Freiwillige"

Der Film hält, was der Titel verspricht: er ermöglicht einen dringend notwendigen „Blickwechsel“, indem er Gastfamilien, Nichtregierungsorganisationen und Kinder und Jugendliche aus Ghana, Südafrika und Gambia zu Wort kommen lässt, die Erfahrungen mit deutschen Freiwilligen gemacht haben. Er kommt dabei fast 90 Minuten lang vollkommen ohne Moderation aus. Zwar gleicht keine Meinung der anderen und viele widersprechen sich auch, doch sie bleiben erfrischend unkommentiert nebeneinander stehen. Die Vorstellung, die Freiwilligen würden vor Ort dringend benötigt und täten selbstlos Gutes für andere, gerät ins Wanken.

Jugendliche erzählen von ihrer Enttäuschung über nicht eingelöste Versprechen, Gastfamilien berichten über Spannungen im Dorf, weil die Freiwilligen wesentlich reicher sind als ihre Gastgeber und dies auch zeigen. Lehrer und Gasteltern berichten von Dynamiken, die in den Familien und Schulen entstehen, wenn unterschiedliche Vorstellungen, beispielsweise in Bezug auf Kindererziehung, miteinander kollidieren. Der Film zeigt aber auch, wie fruchtbar die Zusammenarbeit mit engagierten jungen Freiwilligen für Organisationen sein kann, wie Impulse entstehen können, wenn Ideen – nicht Überzeugungen – miteinander geteilt werden und sich entfalten können. Und er zeigt die Erwartung von Afrikanern, die Freiwilligen sollen sich nach der Rückkehr dafür einsetzen, dass die Politik und das Handeln im Norden die Lebenssituation der Menschen in armen Ländern nicht verschlimmert, sondern ihnen eine Chance zu einem würdevollen Leben ermöglicht.

Der gelungene Dokumentarfilm von Christian Weinert und Ferdinand Carrière zieht den Nutzen von Freiwilligendiensten nicht grundsätzlich in Zweifel, benennt aber deutlich Herausforderungen und Erwartungen. Der Film berichtet ausschließlich über Erfahrungen mit Freiwilligen, die fünf bis zwölf Monate an ihren Einsatzstellen bleiben. Bezogen auf kurzzeitige Einsätze, den sogenannten Voluntourismus, lässt sich erahnen, dass die Herausforderungen ebenso wie die Irritationen und Schäden, die entstehen können, nicht geringer, sondern größer sind. Der Film sei daher allen Entsendeorganisationen, kommerziellen und nicht-kommerziellen, zur Vorbereitung der Freiwilligen dringend ans Herz gelegt.

Blickwechsel – Sichtweisen auf Deutsche Freiwillige. Von Christian Weinert und Ferdinand Carrière. VolNet e.V. & Downsideup Filmproduktion, 2014.  Englisch (mit deutschen Untertiteln), 87 Minuten.

Weitere Informationen und Termine für Filmvorführungen: www.facebook.com/blickwechsel.film

-amo-

(2.253 Zeichen, Juni 2015, TW 79)

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