„Aerotropolen“ als globaler Trend

Rose Bridger
Flughafen-Megaprojekte und ihre Folgen

Aerotropolen gehören zu den größten Megaprojekten, die Regierungen und Konzerne derzeit umsetzen. Diese flughafenzentrierten Entwicklungsvorhaben zerstören Agrarflächen und Wälder. Es sind wirtschaftliche Enklaven, die das Wachstum der Konzerne fördern und lokale Gemeinschaften ausschließen.

Überall auf der Welt sind flughafenzentrierte Megaprojekte, sogenannte ‘Aerotropolen’ oder Airport-Citys im Bau, geplant oder angekündigt. Flughäfen werden nicht gebaut, um einer Stadt zu dienen, sondern es wird eine Stadt um einen Flughafen herum gebaut. Entwicklungen im Aerotropolen-Stil begannen in den 1990er Jahren in Europa und in den Vereinigten Staaten, insbesondere an den Flughäfen Schiphol bei Amsterdam und Dallas/Fort Worth. Nun gibt es ambitionierte Pläne für Aerotropolen in Afrika und Asien.

Eine Aerotropole ist keine Siedlung für Menschen. Es ist eine urbane Form, die ein vom Flugverkehr abhängiges explosives Wachstum von Tourismus und Handel ermöglicht. Kommerzielle Cluster rund um einen Flughafen herum sind mit Dienstleistungen im Flugverkehr integriert. Die Passagiere werden durch Einkaufspassagen, Hotels und kulturelle Veranstaltungsstätten geschleust. Bürokomplexe, Produktions-, Montage- und Logistik-Einrichtungen sind mit dem Frachtverkehr des Flughafens verknüpft. Es werden symbiotische Beziehungen geschaffen, durch die sich das Wachstum des Flughafens und das des urbanen Erschließungsgebietes gegenseitig verstärken.

Verlust von landwirtschaftlichem Boden und Wäldern

Entwicklungsprojekte im Stil einer Aerotropole erfordern große, möglichst noch nicht bebaute Flächen, bevorzugt auf der ‚grünen Wiese’. Werden landwirtschaftliche Flächen dafür genutzt, heißt das, dass ländlichen Gemeinschaften Vertreibung droht. Werden die Lebensräume von Tieren und Pflanzen bebaut, bedeutet das Abholzung und unwiederbringlich einen Verlust an biologischer Vielfalt.

Die Ankündigung, dass in Bhogapuram im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh 60 Quadratkilometer landwirtschaftliche Fläche für einen Flughafen aufgekauft werden sollten, stieß dort sofort auf große Proteste. Rund 7.000 Menschen aus 16 Dörfern demonstrierten vor Regierungsgebäuden und blockierten eine Fernstraße. Sie fürchten, dass sie gezwungen werden könnten, ohne ausreichende Entschädigung ihr Land aufzugeben. Sie setzten sich über die Androhung der Polizei hinweg, dass alle an dieser Aktion Beteiligten festgenommen werden würden.

Der Bau von Istanbuls drittem Flughafen – der Beginn einer geplanten Aerotropole auf einer Fläche von fast 77 Quadratkilometern – zerreist Wälder und Feuchtgebiete nördlich der Stadt. Der Flughafen ist Teil eines Gesamtkomplexes zerstörerischer Megaprojekte, zu denen auch eine dritte Brücke über den Bosporus zählt.

Der Kilimandscharo International Airport in Tansania beansprucht 110 Quadratkilometer Land als seinen ‚Grundbesitz’. Hier sollen riesige Shopping-Zentren, Luxushotels für Touristen, zollfreie Häfen, Freihandelszonen, Bildungseinrichtungen, Zolllager, Souvenirläden, Golfplätze und eine große Wildtier-Ranch errichtet werden. Über 10.000 Maasai, die als Viehhalter dort leben, wehren sich vehement dagegen, vertrieben zu werden.

In Nepal wurden in Nijgadh 80 Quadratkilometer für einen zweiten Flughafen bei Kathmandu ausgewiesen. Die Regierung hat fünf Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt und damit das Gelände eingezäunt und den Wald abholzen lassen, als Vorarbeiten für einen potenziellen malaysischen Investor. Ministerien berichteten von Auseinandersetzungen mit Anwohnern in Umsiedlungsfragen.

Ausschluss der lokalen Gemeinschaften

Die Gemeinschaften vor Ort sind vom Management und der Kontrolle von Aerotropolen-Projekten weitgehend ausgeschlossen. Ein Gelände wird durch zentralisierte Planung ausgewiesen und der Flughafenbetreiber oder ein Konsortium erhält ein hohes Maß an Autonomie.

Die Aerotropole von Andal im indischen Bundesstaat West-Bengalen ist seit 2009 von Widerstand gegen die Aneignung von Land begleitet. Der Betreiber kam in den Genuss umfassender Steuererleichterungen, ist aber den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber nicht rechenschaftspflichtig. Die Aerotropole erhielt den Status eines “industrial township”, mit dem sie nun über umfassende Befugnisse verfügt, auch in den Bereichen Planung und Steuererhebung.

Die äthiopische Regierung wählte eine Fläche von 144 Quadratkilometern für einen neuen Flughafen in Addis Abeba. Die Identifikation von fünf möglichen Standorten erfolgte mit Hilfe von Satellitenbildern. Jeder dieser Standorte umfasst große landwirtschaftlich genutzte Flächen und ist Heimat von über 10.000 Menschen.

Aerotropolen als Wirtschaftsenklaven

Aerotropolen-Projekte sollen angeblich die Wirtschaft ankurbeln. Genauer gesagt sind es aber wirtschaftliche Enklaven. Der durch den Staat zur Verfügung gestellte Grund und Boden stellt eine Art Subvention dar. Die vom Flugverkehr abhängigen Firmen der Aerotropole profitieren darüber hinaus von der fast ausnahmslosen Steuerbefreiung auf Treibstoff für internationale Flüge. Ihre wirtschaftlichen Aktivitäten konzentrieren sich auf die Bereiche innerhalb der Grenzen des Projekts.

Die Wirtschaftszonen, die sich innerhalb der Aerotropole befinden, daran angrenzen oder über Autobahnen damit verbunden sind, erhalten Steuererleichterungen und andere Anreize. In Indien sind beispielsweise mehrere Sonderwirtschaftszonen (SEZs) mit Flughäfen verbunden, darunter der Multimodal International Cargo Hub und Flughafen in Nagpur (MIHAN).

Das Global Anti-Aerotropolis Movement (GAAM)

Eine Aerotropole stellt die physische Infrastruktur und ein unterstützendes Regelwerk, um die Globalisierung der Wirtschaft anzutreiben und damit auch die Abhängigkeit vom Flugverkehr aufrecht zu erhalten – bei zunehmendem Verbrauch fossiler Brennstoffe und der sich verschärfenden Klimakrise. Nichtregierungsorganisationen haben begonnen sich zusammenzuschließen, um sich diesem desaströsen Entwicklungsmodell entgegenzustellen. Im März 2015 gründeten sie das Global Anti-Aerotropolis Movement (GAAM), um öffentliches Bewusstsein zu schaffen und gegen sozial und ökologisch schädliche Mega-Flughafenprojekte aktiv zu werden.

Weitere Informationen:Global Anti-Aerotropolis Movement: http://antiaero.org

Rose Bridger ist Gründungsmitglied des Global Anti-Aerotropolis Movement (GAAM) und Autorin des Buches “Plane Truth: Aviation’s Real Impact on People and the Environment, Pluto Press, London, Oktober 2013 (www.planetruth.net).

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(6.133 Zeichen, September 2015, TW 80)

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