Anfang März 2012 war Heinz Fuchs, Leiter der Arbeitsstelle Tourism Watch, zu Gast im WDR bei Planet Wissen, um dort über Möglichkeiten des nachhaltiges Reisens zu sprechen.
"Nix wie weg" - vom grauen Himmel über Deutschland, auch wenn er längst nicht immer grau ist und neuerdings über jede Temperatur unter 30 Grad gejammert wird. Nix wie weg - weil Deutschland nervt, weil es uns trotz Sozialversicherungen "so schlecht geht wie noch nie". Auf zu neuen Ufern, vielleicht gibt es den gewünschten Job ja tatsächlich irgendwo in der Ferne. Internet-Foren sind voll von unzufriedenen Deutschen, bemerkte die Buchautorin Kerstin Emma Finkelstein: "Vom Auswandern zu träumen scheint eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen zu sein". Umfragen bestätigen die unerfüllten Sehnsüchte. Tatsächlich gehen jedes Jahr aber nur rund Hunderttausend ins Ausland, ebenso viele kehren zurück.
Die promovierte Journalistin, die in Hamburg, Potsdam, Wien und Buenos Aires Politik, Geschichte und Slawistik studierte, und trotz ihrer Erfahrung und Mehrsprachigkeit selbst keinen Job fand, wollte es genauer wissen. Sie flog einmal rund um die Welt und interviewte Auslandsdeutsche in Argentinien, Brasilien, Chile, in den USA, in Neuseeland, Australien, China, Thailand, Südafrika, Namibia, Spanien, Belgien und Österreich. Rückwanderer erzählten ihr von Irland, Italien, Frankreich, Kanada, Israel und der Dominikanischen Republik. Heraus kam das hochinteressante Buch "Ausgewandert - Wie Deutsche in aller Welt leben". Es wurde kein Ratgeber, sondern eine ergänzende, äußerst unterhaltsame, anregende Lektüre über individuelle Erfahrungen, die Deutsche auf der Suche nach neuen Horizonten machten. Mit dabei sind klassische Auswanderer, Aussteiger (Touristen), Zivildienstleistende, mit Ausländerinnen verheiratete Männer sowie im Ausland lebende und arbeitende Männer und Frauen, sogenannte Expatriates, abgekürzt "Expats", wozu auch Unternehmer zählen. Nicht berücksichtigt wurden Diplomaten samt Gattinnen (meistens auch ein Fulltime-Job) und Mitarbeiter aus der Entwicklungszusammenarbeit.
Die stärksten kulturellen Unterschiede wurden in China, Thailand und der Dominikanischen Republik deutlich, beispielsweise dann, wenn (ältere) Männer (junge) Asiatinnen heiraten. Wer nicht wahrhaben will, dass er eine ganze Familie mitheiratet und als Geldverdiener auch mitversorgen muss, sollte dieses Wagnis nicht eingehen. (In vielen Ländern der Welt ist die finanzielle Unterstützung "so selbstverständlich wie eine Rechnung zu bezahlen", brachte es ein Inder auf den Punkt.) "Für eine Thaifrau bedeutet ein weißer Mann eben eine finanzielle Absicherung für die ganze Familie", so eine Beobachtung. Oder: Chinesinnen aus Shenzhen (nahe Hongkong) nähmen für ein gutes materielles Leben und einen ausländischen Pass "auch so einen Mann in Kauf". Sind solche grundlegenden Unterschiede klar, kann es durchaus zu sehr glücklichen Ehen oder Partnerschaften kommen.
Wer glaubt, in Nachbarländern sei es einfacher und allein schon wegen der Sprache "wie zu Hause", sitze ebenfalls einem Irrglauben auf. Als Test reiche der Versuch, in norddeutscher (piefkenesischer) "Erwartung einer Dienstleistung dem Kellner eines richtigen Wiener Kaffeehauses (keiner Touristenfalle!) nicht mit Respekt und der gebührenden Hochachtung zu begegnen". Soviel sei sicher: "In den nächsten Monaten wird man keines Blickes oder gar einer Bedienung gewürdigt", so die Autorin.
Worüber sich auch nur sehr wenige Deutsche im Ausland klar sind: Gerade in den klassischen Auswanderungsländern werden sie stets mit unserer Geschichte konfrontiert, teilweise identifiziert. "Der Zweite Weltkrieg und die Verfolgung der Juden haben das weltweite Bild von Deutschland und den Deutschen nachhaltig geprägt".
Wie Auswanderer aller Nationen rotten sich auch die Deutschen im Ausland zusammen, was vor allem in der ersten Zeit sehr hilfreich sein kann. Deutsche gründen allerdings überall gleich Vereine. Deren drei Stützen heißen Sprache, Kultur und Gemütlichkeit. Manche sind heute allerdings etwas antiquiert, andere können durchaus modern sein. "Deutsch zu sprechen, kann im Ausland einer richtigen Erholung gleichkommen, für die es sich lohnt, mal einen Verein aufzusuchen".
Wichtig sei bei einem Auslandseinsatz, dass die Familie mitziehe und nicht nur wegen des Mannes mitgehe. Probleme von hier würden immer mitgenommen und normalerweise dort nicht gelöst.
Das Fazit der Autorin: "Man nimmt sich immer selbst mit. Leute, die hier mit nichts zurecht gekommen sind, immer nur Schwierigkeiten hatten, sollten sich nicht einbilden, dass es dann im Ausland viel besser gelingt." Die größten Schwierigkeiten sieht sie bei Auswanderern, "denen es hier eigentlich eher gut ging. Die aber auf diese Welle aufspringen, die hier alles schlecht macht, schlechter, als es in Wirklichkeit ist: schlechte Laune, schlechtes Wetter, Regelungswut, wenig Perspektiven. Die sind dann oft überrascht, wenn es anderswo auf einem sehr niedrigen Niveau weitergeht."
Deutschland sei tatsächlich viel besser, als viele glauben. "Selbstverständliche" Vorteile würden aber oft erst erkannt, wenn man sie nicht mehr habe und von außen auf das Land schaue.
Eine erfolgreiche Auswanderung hinge mit den Zielen zusammen, die man verfolge. Ihr wichtiger Rat: "Wenn man nicht nur weg, sondern mit einem Ziel vor Augen woanders hin will, hat man gute Chancen, das kleine Glück zu finden".
Dafür stellte die Autorin am Ende des Buches Literatur- und Internet-Hinweise zusammen, darunter www.auswandern-aktuell.de/ sowie wichtige Informationsstellen, allen voran das Raphaelswerk, www.raphaels-werk.de
Finkelstein, Kerstin E.: Ausgewandert - Wie Deutsche in aller Welt leben, Ch. Links Verlag, Berlin 2005, 252 S., ISBN 3-86153-348-1
(5.528 Anschläge, 74 Zeilen, September 2005)