Voluntourismus

Immer mehr Menschen möchten im Urlaub nicht bloß touristische Attraktionen sehen, sondern auch hinter die touristischen Kulissen schauen und die Lebensbedingungen der Menschen verbessern. Der Wunsch nach authentischen Erfahrungen und direkten Begegnungen und die Möglichkeit, sich (und auch den eigenen Lebenslauf) im Urlaub weiter zu entwickeln, tun ein Übriges dafür, dass das Segment „Voluntourismus“ boomt. Kein Wunder also, dass immer mehr Reiseveranstalter und kommerzielle Agenturen diese engagierten Touristen als Zielgruppe entdecken. Die neuen Angebote reichen vom 2-monatigen Aufenthalt „all-inclusive“ (mit Anreise, Projektvermittlung, Unterkunft und touristischem Rahmenprogramm) über eine zweiwöchige Rundreise mit der Option, um eine Woche in einem Naturschutzprojekt zu verlängern, bis zu Tagesausflügen ins vermeintliche Waisenhaus.

Es zeigt sich aber klar: Die Entwicklung und der Vertrieb von Voluntourismus-Projekten sind mit ganz besonderen - der Tourismusbranche fremden - Verantwortungen und Anforderungen verbunden. Ein seriöser Anbieter von Voluntourismus muss sowohl über das touristische Handwerk als auch über einiges Know-how zur Zusammenarbeit mit Entwicklungs- und Umweltprojekten verfügen. Das Bewusstsein dafür fehlt aber noch weitgehend in der Branche.

Tourism Watch rät zur Vorsicht bei der Auswahl der Anbieter und empfiehlt jungen Menschen, sich für längerfristige Aufenthalte zu entscheiden. Brot für die Welt ist mit dem Programm entwicklungspolitischer Freiwilligendienst am Förderprogramm „weltwärts“ beteiligt und bietet jungen Menschen die Möglichkeit zu einjährigen Aufenthalten bei Partnerorganisationen.

http://info.brot-fuer-die-welt.de/freiwillige

http://www.weltwaerts.de/

http://www.efef-weltwaerts.de/

Zentrale Forderungen an Anbieter von Voluntourism:

1. Voluntourismusangebote nachhaltig gestalten
Binden Sie Freiwilligeneinsätze in Konzepte des nachhaltigen Reisens ein und achten Sie dabei auf Sozialstandards und Umweltbilanz. Dazu zählen eine faire Vertragsgestaltung, gute Arbeitsbedingungen und möglichst klimaschonende Mobilität. Sie sollten ihre Nachhaltigkeitsleistung transparent ausweisen und sich einer unabhängigen Überprüfung unterziehen.

2. Kindesschutz sicherstellen
Führen Sie in Ihrem Unternehmen eine Kindesschutz-Policy ein und entwickeln Sie ein Kindesschutz-Managementsystem. Eine Kindesschutz-Policy beschreibt die
Verantwortlichkeiten für den Kindesschutz im Unternehmen und bündelt die konkreten Maßnahmen. Teil der Policy ist eine Risiko- und Folgeabschätzung in Bezug auf die Rechte des Kindes. Ein wichtiger Bestandteil einer Kindesschutz-Policy ist ein Verhaltenskodex für die Freiwilligen, in dem sie schriftlich versichern, sich an die Regeln des unternehmensinternen Kindesschutzes zu halten. Dazu zählen Regeln zum Umgang mit Kindern, Verfahren zur Meldung von Beobachtungen von Kindeswohlverstößen sowie Hinweise zum Umgang mit Fotos von und mit Kindern. Ermuntern Sie Ihre lokalen Projektpartner, ähnliche Instrumente zu entwickeln und zu implementieren.

3. Tragfähige Partnerschaften mit lokalen Organisationen eingehen
Gehen Sie langfristige Partnerschaften ein, bei denen die lokale Organisation im Vordergrund steht und analysieren Sie gemeinsam mit der aufnehmenden Organisation, welche Unterstützung vor Ort gebraucht wird. Schätzen Sie zusammen die Risiken ab, die beispielweise in Bezug auf Konkurrenz um knappe Ressourcen und lokale Arbeitskräfte entstehen können. Bei den Planungen der Aufenthalte sollten die Bedürfnisse der lokalen Organisation ausschlaggebend sein. Diese sollte unabhängig entscheiden, welche Art der Freiwilligenarbeit sie benötigt. Prüfen Sie die Zusammenarbeit mit renommierten und etablierten Institutionen der staatlichen und nicht staatlichen Entwicklungszusammenarbeit, wenn Sie vor Ort keinen Partner identifizieren können.

4. Vermeidung von armutsorientiertem Marketing
Übernehmen Sie Verantwortung für die Rechte von Kindern und Einheimischen bei der Vermarktung Ihrer Reiseangebote und schützen Sie ihre Würde. Zu verantwortungsvoller Werbung gehört auch die genaue Beschreibung der Projekte und die Einordnung in den entwicklungspolitischen Kontext und damit verbundenen Risiken. So wird die Rolle der Freiwilligen relativiert und der Fokus liegt auf der Unterstützung des Projektes und nicht auf dem besonderen Erlebnis und Freizeitspaß der Freiwilligen.

5. Preistransparenz sicherstellen
Weisen Sie die Verteilung des Reisepreises transparent aus und sehen Sie einen möglichst hohen Anteil für die lokalen Gemeinschaften vor. Berücksichtigen Sie auch den Personalaufwand der lokalen Organisationen, die beispielsweise einen Freiwilligenkoordinator einstellen müssen. Da ungewiss ist, ob es gelingt, dauerhaft finanzielle Unterstützung durch die Freiwilligen nach deren Aufenthalt zu erzielen, sollten Sie diese Form der Unterstützung nicht in Aussicht stellen.

6. Auswahl der Freiwilligen verbessern
Führen Sie Instrumente zur Bewerberauswahl ein und etablieren Sie Standards wie Motivationsschreiben, Lebenslauf und polizeiliches Führungszeugnis. Die genauen Eignungen für konkrete Tätigkeiten sollten im Dialog mit den aufnehmenden Organisationen erfolgen. Wenn die Vorerfahrungen gering sind, sollte die Aufenthaltsdauer entsprechend höher sein. Die endgültige Entscheidung über die Auswahl von Freiwilligen, die nicht über hinreichende Erfahrungen und Vorkenntnisse verfügen, sollte in Absprache mit der aufnehmenden Organisation erfolgen.

7. Vorbereitung der Freiwilligen verbessern
Achten Sie auf eine gute, inhaltliche Vorbereitung der Freiwilligen und vermeiden Sie neokoloniale Klischees von Armut und Unterentwicklung. Reflektieren Sie im
Rahmen der Vorbereitungskurse auch die Erwartungshaltung der Freiwilligen.

8. Aufenthaltsdauer erhöhen und Kurzzeiteinsätze mit Kindern vermeiden
Bieten Sie möglichst lange Aufenthalte an und ermöglichen Sie der aufnehmenden Organisation genügend Zeit, um sich auf die Freiwilligen vorzubereiten. Verzichten Sie vollständig auf Kurzzeit-Aufenthalte in Projekten mit Kindern und bieten Sie Aufenthalte in Waisenhäusern nur im Rahmen von Freiwilligendiensten an, die länger als sechs Monate dauern und intensiv vorbereitet werden.

9. Formen der Nachbereitung etablieren
Bauen Sie Motivationsangebote auf, um ehemalige Freiwillige regelmäßig auf Möglichkeiten der Unterstützung ihrer ehemaligen Gastgeberorganisationen hinzuweisen und machen Sie auf Möglichkeiten des entwicklungspolitischen Engagements nach der Reise aufmerksam.

Stellen Sie Fragen, lassen Sie sich intensiv beraten!

Ein seröser Anbieter wird Ihnen problemlos Ihre Fragen beantworten und sich über Ihr Interesse freuen: 

• Gibt es Vorbereitungsseminare (in Deutschland oder vor Ort) oder andere Vorbereitungsmaterialien?
• Wie lange arbeitet der Veranstalter bereits mit der lokalen Organisation zusammen? Wo kann ich weitere Informationen zu der Organisation bekommen?
• Wie viel vom Reisepreis bekommt die lokale Organisation und was ist die Gegenleistung?
• Wie werde ich vor Ort betreut? Gibt es lokale Mentoren, die mich bei Problemen begleiten?

In Bezug auf Projekte mit Kindern sollten Sie weitere konkrete Fragen stellen:

• Findet eine besondere Sensibilisierung für die Rechte von Kindern statt? Werde ich unterstützt, wenn ich noch keine Erfahrungen bei der Arbeit mit Kindern habe?
• Wie werde ich im Projekt vorgestellt? Wie erkennen die Kinder, dass ich dort arbeite und wer mein Vorgesetzter oder meine Vorgesetzte ist?
• Wie viele hauptamtliche Beschäftigte hat das Projekt, wie viele Freiwillige?
• An wen kann ich mich wenden, wenn ich Missstände beobachte?
• Gibt es eine Mindestaufenthaltsdauer?
• Handelt es sich bei der Schule, dem Kinderheim oder dem Jugendtreff um eine staatlich anerkannte Einrichtung?

Brot für die Welt - Tourism Watch hat gemeinsam mit ECPAT Deutschland e.V. und dem Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung (akte) eine neue Studie herausgegeben, die erhebliche Defizite in Bezug auf Kindesschutz und nachhaltige Entwicklung bei vielen Angeboten belegt. Die Studie ist online erhältlich unter: http://tourism-watch.de/files/profil18_voluntourismus_final.pdf

Gerne können Sie die Studie auch kostenfrei bestellen unter tourism-watch@brot-fuer-die-welt.de

Weitere Informationen:

Video: Das Geschäft mit dem Mitleid (22.1.2014)

Video: Abiturienten als Entwicklungshelfer (19.12.2013)

Video: Waisen, die keine sind (30.8.2013)

Artikel und Studien

Responsibletravel.com nimmt Waisenhaus-Voluntourismusangebote vorübergehend von ihrer Website - 1.10.2013

Voluntourismus in ghanaischen Waisenhäusern: Wo sind die Kinder? - 04.10.2013

 "Unter sechs Monaten lohnt sich der Einsatz nicht" 18.10.2012

"Voluntourism", Entwicklungshilfe im Urlaub - 2: "Schulen als Touristenattraktion" - 26.09.2012

"Voluntourism", Entwicklungshilfe im Urlaub - 1: "Intensiver Kontakt zu den Einheimischen" - 24.09.2012

Kambodschanische "Waisenkinder" im Dienste des Geschäfts mit dem Freiwilligentourismus - 20.09.2012

Tourism Concern lanciert GIVS – einen Standard für Anbieter von Freiwilligeneinsätzen - 10.10.2011

Voluntourismus - mehr als ein Vergnügungsausflug - 19.05.2011

Freiwilligentourismus in Waisenhäusern - zum Schaden der Kinder - 22.04.2011

Volunteer-Tourismus: Risiken und Chancen - Juni 2009

Mehr als Planschen an der Oberfläche - Juni 2009

Lernen und Helfen mit "weltwärts" - Juni 2009

Als Freiwilliger für den Frieden - Juni 2009

Links

www.fairunterwegs.org

www.tourismconcern.org.uk