Sri Lanka: Freunde sind wichtig

By Frank Heidemann

"Ayubowan" lautet der traditionelle Willkommensgruß in Sri Lanka. Srilanker bekunden gern ein lebhaftes Interesse an ihren Mitmenschen. Entsprechend unbefangen fallen die Fragen aus - nach Beruf, Familie, Gesundheit, Reisen, Motorisierung, Wohnweise - und das durchaus auch schon nach kurzer Bekanntschaft. Dabei kommt es oft vor, daß ein neuer Bekannter als "Freund" bezeichnet wird, auch wenn abzusehen ist, daß die Beziehungen nur vorübergehend oder aber oberflächlich sind.

Für Srilanker ist es wichtig, Freunde zu haben, die bei allen möglichen Gelegenheiten "eingesetzt" werden können. Jeder, der zum Netz der Freunde gehört, ist ein potentieller Helfer bei einem Anliegen, wobei es oft genügt, wenn man mit der Empfehlung eines Freundes bei Dritten aufkreuzen kann. Besonders von Europäern erwartet man, daß sie einen großen Bekanntenkreis haben, der in der einen oder anderen Weise behilflich sein könnte. Ein Srilanker ist unterschwellig fest davon überzeugt, daß eine Person mit Geld und Ansehen jederzeit Kontakte zu noch einflußreicheren Kreisen herstellen kann, um einmal ein gutes Wort für einen Freund einzulegen.

Dieses Konzept der Spontanfreundschaften ist vielen Ausländern fremd bis peinlich und manche fühlen sich angeschnorrt. Ein solches Urteil ist ungerecht. Man darf nämlich nicht übersehen, daß man selber auch einen Anspruch auf freundschaftliche Unterstützung hat. Und schließlich: Woher soll ein Srilanker wissen, daß ein Westler einen erheblich größeren Unterschied zwischen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft macht als er selber?

Das Erkundigen nach persönlichen Dingen hat für den Fremden einen unschätzbaren Vorteil: Er kann, ohne anzuecken, sich ein genaues Bild über die sozialen und familiären Verhältnisse von Personen, die er trifft, zusammenfragen. Dabei gibt es allerdings zwei Situationen, die aus seiner Sicht harmlos, aus srilankischer jedoch recht heikel sind: Es sollte unbedingt vermieden werden, zu oft und zu überschwenglich von Kleinkindern zu schwärmen, nach dem Motto: "Was für prächtige Haare; ach diese Brombeeraugen!" Und: Man sollte Srilanker beim Essen nicht anstarren, auch wenn sie mit noch so viel Grazie und geschickten Fingern ihre Teller leeren. In beiden Situationen geht es um die Befürchtung, daß übelwollende Geister aufmerksam gemacht werden, die dem Kind oder dem Esser schaden könnten.

So interessant Srilanker Ausländer finden, so gerne sie sich mit ihnen austauschen, manche importierte Verhaltensweise sehen die meisten gar nicht gern. Sogar das von Berufs wegen tolerante Ceylon Tourist Board bittet in einem Mini-Knigge darum, keine Personen neben Buddhastatuen abzulichten und allgemein um mehr Respekt in Tempeln. Besonders empfindlich reagiert man auf unziemliche Bekleidung. Je weniger, desto schlimmer. "Nacktheit am Strand beim See- oder Sonnenbaden, tut uns leid, aber da machen wir nicht mit. Bitte unterlassen Sie etwas, das uns total fremd ist. Danke schön!" formuliert der Mini-Knigge, umgänglich im Ton, aber hart in der Sache.

Soziale Empfindsamkeit betrifft auch das Thema Alkohol, obwohl sein Konsum in jüngster Zeit zugenommen hat und auf dem Lande immer schon üblich war. Man trinkt möglichst nicht in der Öffentlichkeit oder vor den Augen anderer Familienmitglieder. Bei festlichen Anlässen in Privathäusern werden den Gästen nur Softdrinks und Tee angeboten. Ein Zimmer aber ist für den "schnellen Schluck" eingerichtet. Allerdings streng alles Männersache. In größeren Städten werden diese Regeln aber immer mehr vernachlässigt, zumal Hotel-Restaurants Alkoholika auch auf den Speisekarten führen. Daß moderne junge Frauen rauchen, wird gleichfalls zu den eher unliebsamen Zeiterscheinungen gerechnet.

In einer Hinsicht sind sich alle Srilanker aber einig: Der ideale Mitmensch hat ein zurückhaltendes, sanftes, ausgeglichenes Wesen und entsprechende Verhaltensweisen. Aufbegehren, Empörung, Schreien, Schimpfen, und das noch öffentlich, sind kräftig verpönt. Andererseits ist Weinen, auch von Männern, zumal bei Beerdigungen, keine Schande.

Die Gestik der Srilanker kann Ausländern schon mal ein Rätsel aufgeben. So wird das Hin- und Herwiegen des Kopfes bei einer Unterhaltung von uns meist als "Nein" verstanden. Tatsächlich bedeutet es jedoch "Ich höre, in Ordnung, ich hab es mir gemerkt." Es drückt aber keine absolute Zustimmung aus, auf die man seinen Gesprächspartner später "festnageln" kann. Ein klares Ja oder Nein wird wie bei uns mit Nicken beziehungsweise mit Kopfschütteln kundgetan.

"Wir freuen uns über die vielen Fremden, die unseren Tempel besuchen. Touristen sind uns immer willkommen, solange sie respektieren, daß sie sich in einem buddhistischen Heiligtum befinden. Die Touristen sollten vor allem auf unsere Gläubigen und unser religiöses Empfinden Rücksicht nehmen. Sie sollten z.B. nicht mit kurzen Hosen und entblößtem Oberkörper im Tempelbezirk herumlaufen. Sie sollten auch keine Lotusblütenopfer und keine Gebetsfahnen anfassen und beim Fotografieren manchmal etwas mehr Rücksicht nehmen. Wir als Buddhisten würden jedoch nie Kritik an den Touristen direkt üben. Das widerspräche unserer Auffassung über den Umgang mit Menschen, unserem Gefühl für Toleranz, unserer Religion."
Paligamatero, Priester in Anuradhapura

Quelle: Sympathie Magazin "Sri Lanka verstehen". Mit freundlicher Genehmigung des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, Ammerland 2000.

(5.431 Anschläge / 75 Zeilen, Juli 2000)

Der obenstehende Beitrag ist für den gesamten indischen Subkontinent zutreffend, der folgende weitgehend für ganz Asien, auch wenn er sich hier auf Nepal bezieht. Und natürlich sind die Erklärungen wichtig für den Umgang mit asiatischen Migranten und Besuchern bei uns.

 

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