Sicherheitswahn zerstört den Sinn des Reisens

By Stephan Sasse

Schonungslos stellt Duccio Canestrini den gesellschaftlichen Zustand der so genannten westlichen Zivilisation dar. In seinem Buch „Schießen Sie nicht auf den Touristen!“ entwirft der Italiener verschiedene Szenarien eines möglichen Tourismus in der Zukunft. Gesellschaftliche Entwicklung und Tourismus stehen in enger Beziehung zueinander. Die Grundhaltung eines allgemeinen Misstrauens hat seit dem 11. September 2001 eine wahre Renaissance erlebt, und wird von einigen politischen Kräften auch geschürt. Für Canestrini befinden wir uns heute in einer Airbag-Kultur, die von einem immer größer werdenden Sicherheitswahn getrieben wird, in einer Kultur des Versicherungsfetischismus, in der die individuelle Sicherheit, wie auch das Bedürfnis nach Kontrolle im Leben der Menschen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Aus Kontrolle wird schließlich Überwachung. Wie absurd Überwachungssysteme teilweise werden, stellt Canestrini anhand aktueller Beispiele dar. Dem Leser bleibt dabei das Lachen oft im Halse stecken. Der Autor präsentiert zwei Alternativen für einen Tourismus der Zukunft: einen abgeriegelten, militarisierten Tourismus, der einen Kontakt zwischen Reisenden und Bereisten nicht mehr erlaubt, und einen offenen, ungeschützten Tourismus, bei dem es um einen gleichberechtigten Austausch von Gastgebern und Reisenden geht. Die Qualität des Lebens, wie die des Tourismus, liegt in den menschlichen Beziehungen und Begegnungen. Das Buch zeigt, in welche Gefahr wir uns begeben, wenn wir dem Sicherheitswahn in unserem Leben zuviel Raum gewähren.

Duccio Canestrini:  Schießen Sie nicht auf den Touristen! Aus dem Italienischen von Sabine Schulz. Diaphanes Verlag, Zürich/Berlin 2006, 175 S., ISBN 3-93530074-3.

(1.720 Anschläge, 22 Zeilen, September 2006)

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