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Es ist selten genug, daß uns ein Buch über Tibet amüsiert. Als ich jedoch Alec Le Sueurs "Running a hotel on the roof of the world" las, mußte ich sogar Tränen lachen. Mehrfach. Gewürzt mit bestem britischen Humor beschreibt er darin seine Zeit als Verkaufs- und Marketing Manager im "Holiday Inn" in Lhasa. Das Buch, das noch nicht auf Deutsch erschienen ist, dürfte insbesondere all jene interessieren, die zwischen September 1988 und November 1992 in diesem umstrittenen Hotel residierten. "Mr. Alec" hatte immer ein offenes Ohr, arrangierte Sonderwünsche, half Journalisten und machte aus seiner Sympathie für Tibet keinen Hehl. In Insiderkreisen galt er als Geheimtip. Wie schwierig seine Arbeit aber tatsächlich war, wird erst durch das Buch deutlich. Man mag bedauern, daß es erst sechs Jahre nach Le Sueurs Tibet-Abschied erschien. Doch hätte ein schnelleres Erscheinen vielleicht seine Leichtigkeit verhindert.
Chinesen hatten das "Lhasa Hotel" 1985 als "großen Sprung in den Tourismus" gebaut, waren jedoch außerstande, es zu managen. Als die amerikanische Hotelkette "Holiday Inn" 1986 das Haus mit 468 Zimmern und 800 Angestellten übernahm, waren beispielsweise über 350 Zimmer von Angestellten und ihren Freunden belegt. Im Durchschnitt arbeiteten in den folgenden zwölf Jahren jeweils zehn ausländische Experten, Expatriates, im Management, Restaurantbereich und in der Technik. Anfangs waren es 19 "Expats", laut Vereinbarung wären bis zu 27 möglich gewesen. Sie hatten Zwei-Jahres-Verträge, die in der Regel nicht ein- bzw. durchgehalten wurden. Das "Lhasa Holiday Inn" galt in der Branche als der härteste Posten überhaupt.
Die Expats hießen "Partei B", ihre Stellvertreter und engsten Mitarbeiter, chinesische und tibetische Parteikader, "Partei A". "Partei B" hatte für einen reibungslosen Ablauf des Hotels zu sorgen, die Gäste zufriedenzustellen und einen Profit zu erwirtschaften. "Partei A" kontrollierte und überwachte (spionierte). Für jede Entscheidung mußte ein Konsens beider Parteien erreicht werden. Die Stellvertreter hießen bei den Expats "Schatten" und hatten laut Le Sueur vor allem zwei Aufgaben: So viel wie möglich von den Ausländern, die rund 3000 Prozent mehr verdienten, zu lernen, damit sie das Hotel selber führen können. Was im Oktober 1997 geschah. Und dafür zu sorgen, daß die Expats keinen rufschädigenden, etwa politischen, Ärger machten.
"Partei B" mußte nicht nur lernen, mit chinesischer, tibetischer und kommunistischer Mentalität sowie (später) 560 untrainierten, unmotivierten Angestellten umzugehen, sondern bestand selbst auch aus reichlich exzentrischen Mitgliedern. Am verrücktesten war der italienische General Manager, der mit noch verrückteren Ideen versuchte, das Hotel zu "promoten". Dazu gehörten die erste "Miss Tibet-Wahl" und der Bau eines Swimmingpools, nachdem der erste Pool im benachbarten "Tibet Hotel" bereits wieder geschlossen war. Dererlei Anlässe verwandelte er in große gesellschaftliche Ereignisse. Le Sueur läßt sie ebenso wie die offiziellen Banquetts genüßlich und mit feinem Humor Revue passieren.
Zu den unvergeßlichen Passagen gehören außerdem die Jagd nach "Himalaya-Hamstern", großen Ratten, die sich zu Hunderten im Hotel einquartiert hatten, und seine Beobachtungen über die berühmt-berüchtigte Fluglinie CAAC, "ausgesprochen Kack".
Le Sueur, der heute wieder in seiner Heimat Jersey (Kanalinsel) arbeitet, läßt natürlich die Geschichte Tibets, Mißwirtschaft und die chinesische Unterdrückung nicht außer acht. Zeitweise wird er sogar sehr deutlich. Seine humorvolle Kritik dürfte jedoch aus chinesischer Sicht besonders peinlich und rufschädigend sein, denn er entblößt das System und macht es lächerlich. Das bedeutet Gesichtsverlust. Allerdings sind fast alle Namen im Buch verändert.
Der 38jährige Autor schrieb bewußt kein Buch über Politik und Religion in Tibet. Das könnten andere besser und darüber gebe es ohnehin schon genug. Er wollte vielmehr zeigen, unter welchen Umständen das Hotel in Lhasa funktionierte - oder auch nicht, und er hofft, dabei "Verständnis und Humor in einen Bereich zu bringen, über den sonst nur deprimierende Geschichten zu lesen sind".
Um keinen Gag und keine feinen wie heftigen Seitenhiebe zu verpassen, empfiehlt es sich sehr, das Buch von vorne bis hinten und keinesfalls in Teilen zu lesen. Bislang ist es in holländischer, spanischer, tschechischer und schwedischer Übersetzung erschienen
Alec Le Sueur: "Running a hotel on the Roof of the World - Five years in Tibet", Summersdale Publishers, Chichester 1998, 346 S., £ 7.99, ISBN 1-84024-106-3.
Ludmilla Tüting
(4.635 Anschläge, 61 Zeilen, Juni 2001)