Neue esoterische Abzocke: Der "Jungbrunnen" Himalaya-Salz

Ludmilla Tüting
Von den Mythen "Shangri-La" über die "fünf Tibeter" zur weißen Wellness

In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird seit kurzem ein esoterisches Modesalz auf den Markt geworfen, dem wundersame Eigenschaften angedichtet werden. Die Werbung appelliert an Fernweh, Sehnsüchte, Gesundheit, Wellness und verspricht ewige Jugend. Angeblich stammt das "Kristallsalz" aus dem Himalaya. Was stimmt, was ist erfunden? TourismWatch geht der Frage nach und untersucht die Hintergründe.

Es war einmal..., so fangen alle Märchen an. Auch die Mär vom "Jungbrunnen" oder von der "Quelle der Jugend" irgendwo im Himalaya. Sie begann 1933, als der englische Schriftsteller James Hilton ein spirituelles Heiligtum aus der Mythologie des tibetischen Buddhismus in einen "Quell der Jugend" verwandelte. Er verballhornte den Namen des verborgenen Königreichs "Shambhala" (Sanskrit: "Quelle des Glücks") zu "Shangri-La" und bezeichnete damit eine geheimnisvolle Klosteranlage. Hilton dichtete ihr an, sie hüte einen jahrtausendealten Schatz, das Elixier der ewigen Jugend. Sein faszinierender Reise-Roman "Der verlorene Horizont" wurde mehrfach verfilmt und ist bis heute weltweit ein Klassiker. Der Brite vermischte Facts & Fiction dermaßen geschickt, dass viele an die Existenz von "Shangri-La" glauben.

Der Begriff "Shangri-La" entwickelte sich zu einem Synonym für "Paradies" und "Jungbrunnen" und wird vor allem in der Tourismus-Industrie tausendfach verwendet. China taufte Anfang 2002 den Landkreis Zhongdian in der Provinz Yunnan offiziell in "Shangri-La" um und will die "Goldmine" nun zur "Ökologischen Touristenzone China Shangri-La" erweitern. Mit Hilfe des Mythos sollen verstärkt chinesische und ausländische Touristen geködert werden.

Zhongdian heißt eigentlich Gyalthang und gehörte vor der Besetzung durch China (1949/50) zur tibetischen Provinz Kham. Insbesondere ab 1992 ließ der Staat die dortigen Bergwälder rücksichtslos abholzen. Erst eine Jahrhundertflut brachte 1998 ein Umdenken und den Plan für einen Nationalpark namens "Große Flüsse". Jetzt wird ein Shangri-la für Ökotouristen daraus. Die Volksrepublik hatte der Weltpresse bereits 1998 verkündet, sie habe das "echte Shangri-La" in der zerfurchten Bergregion von Lijiang gefunden und sogar eine Frau entdeckt, die mit einer Person aus Hiltons Buch verwandt sei. "Heidiland" in der Schweiz lässt grüßen.

Esoteriker der globalen rechtsextremen Szene vereinnahmen Shambhala in unterschiedlichen Schreibweisen und Deutungen als "Agarthi". (Vgl. die ausführlichen Darstellungen in TourismWatch Nr. 16, "Der Tibet-Mythos".)

Selbst US-Präsidenten konnten sich der Magie von Shangri-La nicht entziehen. Roosevelt taufte seinen Sommersitz in den Bergen von Maryland 1942 auf diesen Namen. Erst Präsident Eisenhower benannte ihn in Camp David um.

Wellness: Die Fünf "Tibeter"®

Ganz offensichtlich ebenfalls durch Hiltons Fantasieprodukt angeregt, "entdeckte" 1989/90 Volker "Zahedra" Karrer aus dem bayerischen Wessobrunn "Die Fünf Tibeter" (angeblich verfasst von einem Peter Kelder) (1). Auch diese fünf simplen Gymnastikübungen sollen laut Vorwort aus "abgelegenen Klöstern des Himalaya" stammen, seien "fünf uralte tibetische Riten, die den Schlüssel zu anhaltender Jugend, Gesundheit und Vitalität darstellen" und griffen "tief in den Alterungsprozess ein". Sie werden von einer überzeugten Fan-Gemeinde nachgeturnt und sind seit kurzem fester Bestandteil von Wellness-Angeboten:

"Fünf Tibeter - Lehre aus den Hochtälern des Himalaya" (Reisebüro Bulletin, "Fachchinesisch leicht gemacht", 13.9.1999), "Traditionelle Körperübungen der Mönche in Tibet" (Hannoversche Allgemeine Zeitung, "Aus der Wellness-Welt", 6.5.2000), "Fünf gymnastische Übungen, die von tibetischen Mönchen entwickelt wurden. Sie sorgen für die Geschmeidigkeit des Körpers und gelten als Jungbrunnen", (Deutsche Bahn mobil, "Kleine Fluchten für die Sinne - Das ABC der Wellness", Juni 2002). Ein Hotel mit "Kulissenarchitektur" in den österreichischen Alpen vermietet ein Zimmer im Asien-Design als "Fünf Tibeter" (F.A.Z., 4.1.2001).

Der Schweizer Heilpraktiker Arnold H. Lanz liess sich die Legende Fünf "Tibeter"® 1999 gesetzlich schützen. 2001 erschienen von Gerti Samel im Wunderlich-Verlag - als Steigerung - "Die 7 Tibeterinnen" und "Die 7 Gesetze des Glücks - die tibetische Typenlehre für Liebe und Beruf" inklusive einer Musik-CD. Im Jahr 2002 kam im eigentlich renommierten Scherz-Verlag "Der Sechste Tibeter" hinzu. Scherz vermarktet innerhalb seiner "Fünf-'Tibeter'®'-Familie" inzwischen fast 20 Titel, darunter "Die 5 Tibeter" für Kinder und Feinschmecker.

Bereits 1997 erfand der Schweizer Naturheilpraktiker Urs Menet "Die Sieben Schweizer-Körperübungen". Und der Schweizer Künstler Daniel Zimmermann erbaute in diesem Jahr - augenzwinkernd - bei Biel den Parcours "Die Zehn Schweizer", auf dem seine Landsleute "typische Bewegungsübungen zum Wohlbefinden" nachahmen können, beispielsweise Fahnenschwingen, Käsen, Wandern und Hornussen (eine Art Schlagball).

In Tibet und im Himalaya unbekannt

Es ist heute nicht mehr möglich, AnhängerInnen der "Fünf Tibeter" davon zu überzeugen, dass ihr "Training" eine westliche Erfindung und lediglich ein Millionengeschäft ist.  Es zeigt sich einmal mehr, dass viele Menschen betrogen sein wollen. Sie nehmen schlicht nicht zur Kenntnis, dass die "Fünf Tibeter" im vermeintlichen Ursprungsland unbekannt sind. Das betrifft Tibet und das Grenzgebirge Himalaya, wo in Indien und Nepal weitere tibetische Völker und Anhänger des tibetischen Buddhismus leben. Würden die Gymnastikfans Mönche, Nonnen und Gläubige befragen, erhielten sie die klare Antwort: "Wir haben keinen Jungbrunnen. Im Gegensatz zum Westen streben wir gar nicht nach ewiger Jugend. Bei uns ist es genau anders herum. Wir respektieren und ehren das Alter".

Volker Karrer nennt sich mittlerweile "Manulani, Vogel des Kosmos" und vermarktet seine neueste "Entdeckung", "Kahana Style Hu-Na" aus Hawaii, die "alte Zauberformel der Kahuna-Schamanen, mit der Wunschträume greifbare Wirklichkeit werden". Wo? Beim Scherz-Verlag. Der bewirbt Karrers Buch "Das Ei des Boomerang" (2000) mit dem Hinweis "Vom Entdecker der Fünf Tibeter®".

Der letzte Schrei: "Kristallsalz aus dem Himalaya" - "Elixier der Jugend aus dem Himalaya", "Jungbrunnen aus dem Himalaya" 

Zunächst als Geheimtipp und im Internet gehandelt, tauchten die weiß-rosa Salzbrocken 2002 plötzlich für teures Geld in Geschäften auf, besonders in Naturkosmetik- und Bioläden, in Reformhäusern und im Versandhandel. Selbst in der Markthalle, in der die Autorin regelmäßig in Berlin einkauft. Sie wurde sofort misstrauisch. Denn das "kristalline Salz aus dem Himalaya werde im Bergbau abgebaut", heißt es übereinstimmend bei allen Anbietern. Unbehandeltes Salz im Himalaya, das die Autorin aus jahrzehntelanger eigener Anschauung kennt, sieht jedoch ganz anders aus: entweder - direkt an tibetischen Salzseen - blendend weiß (2) oder - beispielsweise auf Märkten in Nepal - schmutzig-grau. Sonne und Wind lassen das Wasser auf dem Dach der Welt verdunsten, das Salz wird auskristallisiert und zusammengekehrt.

Von Salzbergwerken in dieser Region hat sie noch nie gehört und konnte trotz intensiver Recherche keine entdecken. Auch nicht in der Nähe der alten Karawanenwege, auf denen Yaks, Ziegen, Schafe, Hunde und Menschen das Salz von Tibet über den Himalaya nach Süden bringen bzw. brachten, denn heute wird überwiegend indisches, jodiertes Speisesalz verwendet.

Es überrascht nicht, dass sich die hiesigen Salzhändler über die genaue Herkunft ausschweigen bzw. keine oder nur dubiose Angaben machen können. Wie bei den "Fünf Tibetern" wird nachgeplappert, was vermeintliche Experten vorgeben. 

Im Himalaya wird Salz zum Würzen verwendet

Die Autorin wälzte Kochbücher aus Tibet, Indien und Nepal. Weder in der normalen noch in der ayurvedischen Küche oder in ayurvedischen und tibetischen Medizinbüchern entdeckte sie Hinweise auf verjüngendes Himalaya-Salz. Wie bei uns wird Salz zum Würzen verwendet, vor übermäßigem Gebrauch gewarnt und medizinische Eigenschaften, z.B. bei Störungen des Verdauungstraktes, der Mundreinigung und äußeren Schwellungen genutzt. Buchautor Erwin K. aber behauptet, "kristallines Salz, Elixier der Jugend aus dem Himalaya" verhelfe "zu mehr Jugendlichkeit, Energie und Vitalität". Und der Berliner Enveda-Versand "für gesunde Informationen und Produkte" bietet das Wundersalz als "Nahrungsergänzung" an: "Jungbrunnen aus dem Himalaya! Das mineralreiche Kristallsalz in hochwertigster Form für Küche und spezielle Anwendungen". Die inzwischen gefallenen Preise bewegen sich immer noch zwischen 9 Euro (500 Gramm gemahlen im Glas), 16,90 Euro (900 Gramm, Brocken im Glas), 17,80 Euro (1500 g, Himalaya-Badesalz im Leinensack) und 19,95 Euro (1000 g, Kristallsalz Sole).  Schliesslich zeichnet sich "das kristalline Himalayasalz durch hohe bioenergetische Qualität und zertifizierte Reinheit aus". Zertifiziert? Von wem?

Die Autorin befragte selbstverständlich auch Einheimische, die es wissen müssten. Fehlanzeige. Neben banalem Abschmecken ziehen sie Salz bei Schnupfen in der Nase hoch. Die hier empfohlenen Vollbäder mit "Jungbrunnen-Salz" sind im höchsten Gebirge der Welt nicht üblich, da Badewannen nur in einigen Hotels zu finden sind. Aber selbst wenn es sie gäbe, käme dort niemand auf die Idee, ein Kilo Speisesalz hineinzuschütten. (In Hiltons Utopia dagegen waren Badewannen vorhanden, aus zartgrünem Porzellan, importiert aus Akron, Ohio.)

Weil Salz im Himalaya als Jugend-Elixier unbekannt ist und das angeblich "ayurvedische Steinsalz" ohnehin nicht "aus Salzstollen"... "aus dem Bergmassiv des Himalaya" stammt, soll an dieser Stelle nur kurz auf die hiesigen Anpreisungen und die "Gesundheit aus dem Himalaya" (3) eingegangen werden: Himalaya-Salz sei "besonders bioenergetisch" und "schwingungsreich". Als Sole mit gutem Quellwasser angesetzt entstehe "reifes, lebendiges Wasser mit Levitationsenergie". "Täglich wie ein Lebensmittel eingenommen" sei es wie das "Aufladen eines Akkus", so eine Freiburger Heilpraktikerin in der "ARD-Wunschbox" (4). Nahezu jede Zivilisationskrankheit lasse sich mit Himalaya-Salz beheben, wird behauptet, von Akne über Leberschäden bis zum Übergewicht! Das Jugend-Elixier sei gut gegen Falten und mit einem "Himalaya-Peeling-Kristall" oder einer Gesichtsmaske aus "Himalaya-Kristallsalz-Puder" könne die "Haut revitalisiert" werden.

Jedes Speisesalz ist ein Kristallsalz

Eine "Zentralgestalt" des Salzbooms ist Peter Ferreira, geborener Druf, wie die Zeitschrift "Skeptiker" (5) im Frühjahr 2002 herausfand. Der "Himalayasalz-Papst" bezeichnet sich als "Biophysiker", "Direktor des 'Institute of Biophysical Research', USA" und "wissenschaftlicher Berater". Skeptiker-Autorin Andrea Kampuis konnte jedoch weder in den USA noch hier seine Spuren entdecken, außer Artikeln und Tonkassetten zu seinem Thema "Wasser und Salz" sowie dem Bestseller (sic!) "Wasser&Salz, Urquell des Lebens", den er mit Dr. med. Barbara Hendel verfasste. Das im Oktober 2001 in der "INA Verlags-GmbH", Herrsching, erschienene Buch wird auch von dem rechtsesoterischen Michaels Verlag in Peiting vertrieben. Die "Michaels Vereinigte Verlagsauslieferung (MVV)" gab Anfang 2002 "70.000 verkaufte Exemplare" an, mit weiteren "30.000", die ab dem 19.3.2002 zur Auslieferung kämen. Auch bei amazon.de stürmte der Titel die Top-100-Charts. Ferreira und Hendel geben in ihrem Herrschinger "Förderverein Wasser und Salz e.V." seit Anfang 2002 außerdem die Zeitschrift "Wasser und Salz" heraus. Die Biologin Kampuis, die Ferreiras Thesen im "Skeptiker" unter die Lupe nahm, meint, einige seiner unhaltbaren Behauptungen seien "ein Fall für den Staatsanwalt".

Auch die Zeitschriften "Öko-Test" (6) und "Test/Stiftung Warentest" (7) sprachen dem Himalaya-Salz jede besondere Wirkung ab. Es handele sich um "üble Geschäftemacherei" und um eine Irreführung des Verbrauchers. Jedes Speisesalz sei von der Substanz her ein Kristallsalz. Himalaya-Salz bestehe genau wie unser Kochsalz zu mindestens 97 Prozent aus Natriumchlorid. Der "sehr geringe Gehalt an natürlichen Spurenelementen" sei "ernährungsphysiologisch nicht relevant", was sich mit der Analyse eines lebensmittelchemischen Labors deckt, die der Autorin vorliegt: 38,3 Prozent Natrium, 60,7 Prozent Chlorid.

Die Hügelkette "Salt Range" in Zentral-Pakistan

Wie von Wiederverkäufern im September 2002 zu erfahren war, importiert und zertifiziert Ferreira das Salz selbst, obwohl er es laut "Skeptiker" abstreitet. Auch die Heilpraktikerin in der "ARD-Wunschbox" sagte, ihr in der Sendung gezeigtes Salz "aus dem Himalaya" sei "jetzt zertifiziert". Das "sogenannte Hunza-Salz" sei das "einzige, das von dem Biosphysiker Peter Ferreira auf alle Elemente wissenschaftlich geprüft" wurde.

Der "Skeptiker" versuchte anhand von Ferreiras eigenen Beiträgen und Tonkassetten herauszufinden, wo seine Salzquelle liegt, die er mit einer "Gruppe von Idealisten und seriösen Wissenschaftlern" ausfindig machte. Der seit den 50er Jahren aufgelassene Stollen soll in einem schwer zugänglichen Himalaya-Bergwerk in über 3000 Metern Höhe liegen. Dort werde das Salz per Hand, sozusagen biophotonenschonend, von angeblich fair entlohnten Einheimischen abgebaut. In einem Vortrag siedelte er seinen Stollen "in der Nähe des Kathmandu-Gebietes" an. Nur: In ganz Nepal gibt es kein Salzbergwerk! Ferreira verkündete laut "Skeptiker", er wolle sein gesamtes Buchhonorar "elternlosen und behinderten Kindern im Grenzgebiet zu Afghanistan" zukommen lassen und die "Betreuung persönlich vornehmen". (Afghanistan grenzt  an Pakistan.)

Von einem Wiederverkäufer erfuhr die Autorin im Oktober schließlich, dass Ferreira sein Salz  - nach eigenen Angaben - aus der kleinen Hügelkette "Salt Range" in Pakistan bezieht. Die braune, zerklüftete Salzkette ist durchschnittlich 700 Meter hoch, begrenzt die Indus-Ebene im Norden und liegt in westlicher Richtung zwischen Lahore und der Hauptstadt Islamabad. Die Hügelkette liegt fernab vom Dach der Welt in der Provinz Punjab, und dort gibt es tatsächlich Salzbergwerke. Die rund 600 Millionen Jahre alten Salzvorkommem wurden bereits vor über 400 Jahren entdeckt. Insbesondere die Khewra-Mine zählt heute zu den größten der Welt. Die Gesamtlänge der Tunnel, die in das Innere des Berges getrieben wurden, beträgt weit über 100 km. Die Arbeitsbedingungen in der pakistanischen Salzindustrie würde kein deutscher Arbeiter akzeptieren. 1999 wurden 900.000 Tonnen Steinsalz gewonnen, im Jahr zuvor 1,3 Millionen. (8).

Khewra ist auch ein beliebtes Touristenziel insbesondere pakistanischer Besucher, die mit einem kleinen Bähnchen in einen Teil der Mine hineinfahren und sich über verschiedene Methoden des Salzabbaus informieren können. Die Farbe des "weißen Goldes" reicht von kristallklar bis rötlich. Das im Volksmund genannte "Lahori Salt" sieht übrigens genau so aus wie Salzbrocken (Souvenirs) aus dem polnischen Salzbergwerk Wieliczka. Auch diese berühmte Salzmine - mit einer unterirdischen Kathedrale - ist eine Touristenattraktion. Sie wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

"Das Tal der Hundertjährigen" und ein weiteres Shangri-La im Karakorum

"Unzählige haben versucht, das 'Elixier der Jugend' zu finden: Junge, Alte, Abenteurer, Hobbyforscher, Seefahrer, Expeditionsteams, Welt-Jetter und viele andere", wirbt Erwin K. für sein Buch "Kristallines Salz. Das Elixier der Jugend aus dem Himalaya". Über den tatsächlichen Fundort jedoch macht die alternative Salz-Szene nur sehr vage Angaben, die obendrein geographische Defizite verraten. Meistens heißt es einfach "Himalaya" oder auch schon mal "Nordindien... an der russischen Grenze" (?), wo "27 Familien davon leben". Aber immer wieder fällt der Name Hunza. Die Rede ist meistens vom "sogenannten Hunza-Salz". Auf einer Homepage wird das "Salz des Lebens" angeblich in "Hunza abgepackt"...

Hunza ist eine faszinierende Gebirgsregion im äußersten Norden Pakistans und sehr beliebt bei Wanderern, Bergsteigern, Radfahrern und Seidenstraßen-Touristen aus der ganzen Welt. Auch Pakistanis verbringen dort sehr gerne ihren Urlaub. Das alte, legendäre Fürstentum Hunza ist für Ausländer erst seit 1982 problemlos zugänglich, nach der Öffnung des "Karakorum Highways". Diese militärstrategische Bergstraße wurde 1978 von den Chinesen fertiggestellt und führt - entlang einem südlichen Strang der historischen Seidenstraße - über den Khunjerab-Pass nach Ostturkestan (Xinjiang/Sinkiang) in der Volksrepublik. Der fast 5000 m hohe Grenzübergang liegt  geografisch im sogenannten Pamirknoten. Dort prallen vier mächtige Gebirge aufeinander: Pamir, Hindukush, Kunlun und Karakorum-Himalaya. Der eigentliche Himalaya, getrennt durch den Indus-Fluss von seinem Bruder Karakorum, endet allerdings bereits südlich von Hunza. Sein östlichster Punkt ist der Achttausender Nanga Parbat. Gäbe es also Hunza-Salz, müßte es "Karakorum-Salz" heißen.

Auch Hunza (2400 m und höher) wird seit Jahrzehnten als "Shangri-La" gepriesen und gilt bei einigen als das wahre Modell. Sein Erfinder James Hilton habe zuvor die Hunza-Region besucht und sich dort für seinen Roman inspirieren lassen, behaupten pakistanische Touristiker. Dabei habe er auch von der Langlebigkeit der Hunzkuts erfahren. (9), die sich in seinem modernen Märchen als "Jugendelixier" niederschlug. 

Am Speiseplan der Bergbäuerinnen und Bergbauern in Hunza orientierte sich einigen Quellen zufolge auch der Schweizer Arzt Ralph Bircher, wenngleich er nie vor Ort war. Nach der Veröffentlichung seines Buches "Das Volk, das keine Krankheiten kennt" (1942) stieg der Umsatz von Bircher-Müsli sprunghaft an (10).

Dass viele Hunzukuts tatsächlich ein überdurchschnittlich hohes Alter erreichten, hatte bereits in den 20er Jahren ein Militärarzt der britischen Kolonialmacht herausgefunden. (11) Der junge McCarrison schrieb die Widerstandskraft der Bevölkerung mehreren Faktoren zu: sehr viel Bewegung (durch die Feldarbeit auf gebirgigem Terrain), kristallklare Luft, günstiges Klima mit viel Sonne auf ihrer Talseite, schlacken- und fettarme Ernährung und zwangsläufige Fastenkuren, wenn die Vorräte knapp wurden. Ihre allein durch Sonnenenergie gereifte Kost bestand vor allem aus Aprikosen und anderen Früchten, unzerkochtem Gemüse, Weizen und Gerste. Das Getreide wurde jeweils frisch gemahlen und mit heißer Milch und Obst als Vollkorn-Getreidebrei verzehrt, häufiger jedoch zu kleinen Fladen aufgebacken. Noch heute eine Touristenattraktion ist Hunzas "Gletschermilch", das durch hohe Mineralienanteile getrübte Wasser.

Ohne Mythos keine Chance

Auch im Süden Ekuadors gibt es ein "Tal der Hundertjährigen". Die Lebensbedingungen, Ernährung und das Klima ähneln Hunza, einschließlich der Armut und einer heute abwandernden Jugend. Vilcabamba und Hunza haben noch etwas gemein: Ein gesegnetes Alter erreicht nur, wer vor Ort lebt. Auch dieses Phänomen griff Hilton auf. Wer Shangri-La verließ, verlor seine straffe Jugendlichkeit und alterte rapide.

Lange als Geheimtipp gehandelt, ist das abgelegene Bergdorf Vilcabamba (1500 - 1700 m) heute ein beliebter Treffpunkt unter europäischen, nordamerikanischen und israelischen Rucksacktouristen. Auch in den Anden wird Salz gewonnen. In Bolivien gibt es auf 4700 m Höhe sogar einen riesigen Salzsee, den Salar de Uyuni, ebenfalls eine beliebte Besucherattraktion mit einem Hotel, das ganz aus Salz erbaut wurde. Selbst heilige Berge und Schamanen fehlen nicht. Aber: Das mächtige Gebirge Südamerikas hat keine Tibeter, keinen Dalai Lama, kein Shangri-La. Und keinen  Mythos, aus dem sich neue Mythen spinnen lassen. Wie wäre es mit "Anden-Kristall-Salz" oder "Fünf Ekuadorianern"?

Übrigens, der größte Teil des heute weltweit gewonnenen Salzes wird als Industriesalz verwendet.

Anmerkungen

  (1) Vgl. Susanna Schwager: "Suche nach dem Buch aus dem Nichts, Märchenhaft - fünf seltsame 'Tibeter' und ihr Welterfolg", Die Welt, Literarische Welt, 13.11.1999.

(2) Vgl. Film "Die Salzmänner von Tibet", Ulrike Koch, Deutschland/Schweiz 1997.

(3) Nora Kirchner: "Kristallsalz. Gesundheit aus dem Himalaya", "Hier + Jetzt"/Verlag für Kultur und Geschichte, Baden/Schweiz, Juni 2002.

(4) Die Freiburger Heilpraktikerin Martina Kollartz (phonetisch) in der ARD-"Wunschbox" am 26.8.2002. Sie bezog sich auf den "Biophysiker" Peter Ferreira.

(5) Andrea Kampuis: "Himalaja-Salz", Skeptiker 1/2002, S. 14 - 17, Hg.: Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP)", www.gwup.org, Tel. 06154/6950-21, Fax -22.

(6) "Gesünder durch Himalaya-Salz?", Öko-Test 7/2002, s. 126. Leserbrief "Himalaya-Salz", Nr. 9/02, S. 144.

(7) "Himalaya-Salz, Glaubensfrage", Test 10/2002, S. 17.

(8) Far Eastern Economic Review: Asia 2002 Yearbook, S. 176.

(9) Shirin S. Walji auf der ersten "Trekking Convention" des Ministerium für Kultur und Tourismus, Rawalpindi, Pakistan, Oktober 1981 (Tagungsbericht).

(10) Alfred Janata, "Hunza Humbug", EPN 7-8/1987, Österreichischer Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE), Wien. Hermann Schaefer: "Hunza, ein Volk ohne Krankheit", Diederichs Verlag, Düsseldorf/Köln 1978, S. 68ff.

(11) Hermann Schaefer, vgl. 10, S. 252ff.

Weitere wichtige Quellen zu Shangri-La:

Michael Oppitz: "Semiologie eines Bildmythos. Der Flipper Shangri-La", Völkerkundemuseum, Zürich 2000. Trotz des schwer verdaulichen Titels ein gut lesbares Buch über die Entstehung und Verfilmung von Shangri-La.

Martin Brauen: "Traumbild Tibet - Westliche Trugbilder", Paul Haupt Verlag, Bern/Stuttgart/Wien 2000. (Vgl. Besprechung "Entlarvung eines Mythos", TW 22)

Hinweis: Es gibt weltweit rund 50 Shangri-La-Hotels, in Rom, Santa Monica/Kalifornien, Cancun/Mexiko, zwei in Nepal (Kathmandu, Pokhara) und ein halbes Dutzend in Pakistan (gegründet von einem Mitglied der Fürstenfamilie aus dem "Shangri-La" Hunza). Allein 38 jedoch gehören der Familie des Unternehmers Robert Kuok. Sie befinden sich in China, Hongkong, Südostasien und auf Fiji. Der Chinese aus Malaysia sprang 1971 als erster auf den Mythen-Zug in Singapore auf, wo er seine Hotelkette gründete. Seit 1997 ist Shangri-La an der Börse in Hongkong vertreten. (!). Zehn weitere Hotels von "Shangria-La Asia" sollen in China, Dubai und Oman eröffnet werden. 

(22.317 Zeichen, 294 Zeilen, Oktober 2002)

Mein besonders Dank gebührt Monika Deimann-Clemens, Altenstadt, für ihre Recherchen und Zuarbeit. Wir arbeiten gerade am Mythos "Die acht Bayern" und mythischem Salz aus Berchtesgaden.

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