Anfang März 2012 war Heinz Fuchs, Leiter der Arbeitsstelle Tourism Watch, zu Gast im WDR bei Planet Wissen, um dort über Möglichkeiten des nachhaltiges Reisens zu sprechen.
Wer neugierig ist auf die Welt und Bücher über Alltagskultur spannend findet, dem sei ein neues, preiswürdiges Glanzstück ans Herz gelegt. Es heißt "Mit anderen Augen sehen - Leben in fremden Kulturen", wurde herausgegeben von Hanne Chen und Henrik Jäger und erschien kürzlich in der Reise Know-How-Reihe "Kulturschock". Das Taschenbuch richtet sich zwar vorrangig an diejenigen, die für längere Zeit ins Ausland gehen. Ich finde aber, dass es eine unverzichtbare Verständnishilfe auch für Touristen darstellt, insbesondere für weibliche, denn uns werden - leider - die meisten Tabus auferlegt. Obendrein handelt es sich um eine - selten genug - vergnügliche, inspirierende Lektüre.
Neun Frauen und vier Männer nehmen uns in die Türkei mit, nach Russland, Indien, Thailand, China, Taiwan, Ägypten, Tansania, Mexiko und Kalifornien. Drei Nicht-Deutsche berichten über ihre Erfahrungen in Italien und Deutschland. Die AutorInnen schildern ihre überwiegend persönlich gehaltenen Erfahrungen mit großer Offenheit, im Guten wie im Schlechten. Deshalb berühren sie uns und sind sehr gut nachvollziehbar. Die Leser erleben die verschiedenen Phasen eines Kulturschocks in der Fremde, aber auch bei der Rückkehr, hautnah mit.
Stellt man sich gerne neuen Herausforderungen, ist ein Kulturschock durchaus positiv besetzt und sehr hilfreich. Der Kulturwissenschaftler Klaus Boll resümiert:"Er kann z.B. die Augen öffnen, sensibilisieren, aufrütteln, Unterschiede bewusst werden lassen, die Frage nach den wichtigsten Zielen im Privatleben und im Arbeitsalltag neu stellen. Er kann auch - in einzelnen Fällen - Menschen zeigen, dass sie von ihrer Charakterstruktur oder Arbeitsweise nicht für einen längeren Aufenthalt in einer bestimmten Kultur geeignet sind und daher besser diesen Aufenthalt vorzeitig beenden sollten. Insofern sollten die Lektüre von Büchern zur Kultur des Gastlandes sowie interkulturelle Vorbereitungsseminare und ähnliches nicht das vorrangige Zeil verfolgen, einem späteren Kulturschock im Gastland vorzubeugen, sondern die Menschen vor allem für kulturelle Unterschiede sensibilisieren". Karin Werner ergänzt aus Ägypten, den Humor nicht zu vergessen. Mit ihm lasse sich eine Situation oft zu seinen Gunsten wenden. Wie wahr.
Chinesischer Humor beispielsweise sei anders als der westliche, schreibt Hanne Chen, die mit einem Chinesen aus Taiwan verheiratet ist."Er hat nicht seinen Sarkasmus, seine Ironie, doch viel Sinn für die Grotesken des Daseins, was dem Ernst des Lebens einiges an Dramatik nehmen kann. Ein Freund schilderte uns, wie er leicht betrunken seiner Angebetenen einmal eine ganze Stunde durch Taipeh mit dem Auto gefolgt war, bis sie ausstieg, ihn zur Rede stellte und sich jegliche weiteren Annäherungsversuche verbat. Es war eine auch im chinesischen Kulturkreis äußerst peinliche Geschichte. Er beendet sie mit den Worten: 'Und wisst Ihr, was das Schlimmste an der ganzen Sache war? Ich hatte schon drei Flaschen Bier getrunken und konnte keine Toilette finden'. Je länger ich in Taiwan war, desto mehr gab es mit Chinesen zu lachen und desto leichter wurde es."
Wertekonflikte: "Café Hitler"
Oder wie sollte der Sinologe Henrik Jäger, der in Taiwan deutsche Sprache und Literatur unterrichtete, mit einem "Café Hitler" umgehen? Versehen mit dem Zusatz "eine besondere Freude genießen" und dekoriert mit einem Hakenkreuz auf dem Ladenschild. Zuvor hatte dort eine Münchener Firma Aufsehen erregt, als sie für Elektroheizungen mit dem "Führer" warb."Meine Studenten verstanden zuerst gar nicht, was ich gegen ein 'Café Hitler' haben konnte. Er sei doch ein großer Deutscher gewesen, so wie Tschiang-Kaischeck ein großer Chinese war. Nach einigen Stunden verstanden sie mich etwas und wir überlegten, was zu tun sei. Das deutsche Wirtschaftsbüro (die konsularische Vertretung, Anm. der Red.) einzuschalten, schien ihnen unangemessen. Damit würde man nur den Cafébesitzer ruinieren. Mit ihm zu reden, würde nichts bringen. Er würde nicht verstehen, was an dem Namen auszusetzen sei. Also verständigten wir uns, dass zumindest im Jahrbuch der Deutschabteilung ein Artikel erscheinen müsse über das, was Hitler an Unglück über Deutschland und die Welt gebracht hatte. Bei all dem wurde mir einmal mehr bewusst, wie weit weg die deutsche Realität war. Hitler hatte den chinesischen Nationalisten für den Kampf gegen die Kommunisten Militärratgeber zur Verfügung gestellt und war somit zum großen Deutschen geworden... Und man habe früher, so meinten die Studenten, vor allem alte Wochenschauen gesehen - mit diesem Bild von Deutschland seien sie groß geworden".
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Infames T-Shirt der Neonazi-Partei NPD mit der Aufschrift: |
Dabei fehlte, dass "der Führer" gegen 67 Länder Krieg führte, in Europa 55 Millionen Menschen umkamen, 35 Millionen verletzt wurden und es drei Millionen Vermisste gab. Dass mindestens 13 Millionen ihr Leben nicht durch Kriegshandlungen verloren, sondern direkt durch das mörderische Nazi-Regime, darunter sechs Millionen Juden einschließlich der eigenen Landsleute, über drei Millionen russische Kriegsgefangene, mindestens 2,5 Millionen Polen, Hunderttausende von Zwangsarbeitern (auf Englisch treffender "Slave labourers", Sklavenarbeiter), Homosexuelle, Oppositionelle, Kranke, Behinderte, Sinti und Roma.
Trotzdem erfreut sich Hitler auch in zahlreichen anderen Ländern großer Beliebtheit, mit für uns vorprogrammierten peinlichen Situationen. So fand die "Times of India" im Dezember des vergangenen Jahres ( Sunday Times of India, New Delhi, 22.12.2002) bei einer Umfrage heraus, dass indische Studenten von führenden Universitäten in Delhi, Mumbai (Bombay), Kolkata (Kalkutta) und Bangalore Hitler für den besten ausländischen Führer hielten. Den ersten Platz belegte Mahatma Gandhi mit 23 Prozent, den zweiten der derzeitige Premierminister Vajpayee, ein Hindu-Nationalist, mit 20 Prozent. Hitler lag mit 17 Prozent auf Platz drei.
In Bangkok mußte vor einigen Jahren eine Bar nach Protesten schließen, die im Nazi-Dekor auf Kundenfang ging. Es wimmelte nur so von NS-Hakenkreuzen, die Kellner bedienten in braunen Uniformen.
In der Region Udine boomt seit einiger Zeit ein italienischer "Hitler-Wein", den vor allem deutsche Touristen begeistert als Souvenir kaufen. Auf den Wein-Etiketten prangen Naziparolen und Hitler-Portraits. Laut dem ARD-Magazin "Kontraste" vom 4. September sollen pro Jahr 30.000 Flaschen über die Ladentische von Weinkellern, Lebensmittelgeschäften und Andenkenläden gehen. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries protestierte inzwischen bei ihrem italienischen Kollegen in Rom.
Ich selbst wollte einst in Mexiko in den Boden versinken, als mir - sicherlich unbescholtene - Fischer ihre besondere Reverenz erwiesen. Als sie hörten, dass ich eine Alemana war, schenkten sie mir mehr Fische als ich mit bloßen Händen halten konnte, bildeten ein Kreis um mich und riefen mit ausgestrecktem Arm minutenlang "Heil Hitler, Heil Müller, Heil Beckenbauer"! Für eine ausreichende politische Diskussion reichte mein Spanisch nicht aus. Mein abwehrende Haltung wirkte nur befremdlich. Sie verehrten Hitler, weil "er den US-Amerikanern die Zähne gezeigt hatte". Auf dieses Argument muss man unterwegs gefasst sein, auch anderswo.
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Ausland & Elend
Auszug aus: DUDEN: Etymologie – Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 1963. mhd. = mittelhochdeutsch, ahd. = althochdeutsch, asächs. = altsächsisch (Entdeckt von Markus Jahn, Berlin) |
Wertekonflikte: Frauen
Sehr aufschlussreich sind auch die im Buch beschriebenen Wertekonflikte, wenn es um die klassischen Rollen von Frauen und Männern geht. Touristinnen sollten sie ebenfalls besonders aufmerksam lesen, um unnötige, lästige und ärgerliche Anmache zu vermeiden. Ohne männliche Begleitung gelten wir leider im öffentlichen Raum automatisch als sexuelles Freiwild, vor allem in der muslimischen Welt und teilweise auf dem indischen Subkontinent. Um die Verletzbarkeit der "mannlosen" Frau zu verringern, so der Kerngedanke im Hintergrund, bieten sich in Kairo beispielsweise junge Männer gerne als Beschützer an. Karin Werner, Kultursoziologin, über die Vor- und Nachteile:"Auch wenn frau manchmal ein wenig darüber ins Schmunzeln gerät, welche schmächtigen, 'grünen' Kerlchen sich Gruppen von 'gestandenen' Frauen als Beschützer anbieten, es funktioniert jedenfalls - zumindest ist es der (männlichen) Logik zufolge allemal besser, einen schmächtigen Teenager bei sich zu haben als überhaupt kein männliches Wesen. Denn sobald frau einen Mann an ihrer Seite hat, wird so etwas wie ein (für kulturelle Outsider unsichtbares) Besetztzeichen geschaltet, das die Gruppe vor weiterer 'Anmache' schützt...
Nach dem obligatorischen Shakehands flanieren diese Gruppen- bzw. Paar-Konstellationen meist durch die einschlägigen Touristenmeilen, wobei manchen 'Platzhirschen' ihr Stolz über ihren 'Fang' stärker anzusehen ist als anderen. Es gilt in der Männergesellschaft der Straße als Wert an sich, eine Westlerin aufzugabeln und mit ihr (gerne auch vertraulich eingehakt) herumzuflanieren und die anderen glauben zu machen, man habe etwas mit ihr oder sei gerade auf dem besten Weg dazu. Frau läuft meistens ahnungslos daneben her und bedankt sich meist beim Abschied noch für die netten Tipps ihres Begleiters. Doch muss fairerweise eingeräumt werden, dass die Motive solcher Ansprachen sehr unterschiedlich sind und dass frau gelegentlich über das obligatorische 'Can I help you?' auch wirklich nette Bekanntschaften machen kann".Eine weniger angenehme Variante seien dagegen die "Ansprache-Profis", die nichtsahnende Besucherinnen in Andenkenläden ihres "Onkels" oder in zwielichtige Absteigen lockten. (Diese Beobachtungen gelten übrigens weltweit.)
Karin Werner stellte ebenfalls fest, dass "eine nicht ganz unbeträchtliche Zahl" an Sextouristinnen regelmäßig nach Kairo komme, um ein erotisches Abenteuer zu erleben:"Für dieses mittlerweile fest etablierte Segment von Touristinnen stehen Scharen von zum Teil (semi-)professionellen Gigolos im Kairoer Stadtzentrum bereit, die übrigens ein gutes Gespür für ihre Zielgruppe haben und umgekehrt. Die meist jüngeren Männer fungieren als Sexpartner, Reiseführer und Rundum-Unterhalter und werden am Ende des Trips angemessen für ihre Dienste belohnt. Einen sehr ähnlichen Sextourismus gibt es auch unter Homosexuellen."
In Lateinamerika jagen Touristinnen gerne dem Mythos des "Latin Lover" hinterher und gelten dabei doch auch nur als Freiwild. Denn dem Bild einer zu respektierenden Frau entsprechen sie nicht. Am Beispiel Mexiko erläutet Klaus Boll das Geschlechterverständnis:"Die klassischen Rollen von Männern und Frauen in Mexiko werden mit den Begriffen Machismo und Marianismo charakterisiert. In wenigen Worten zusammengefasst, ist Machismo das übertriebene Betonen sogenannter männlicher Attribute wie Stärke, Härte, Autonomie, Beschützung der 'schwächeren' Frauen. Dagegen wird unter Marianismo das Streben der Frauen nach dem Ideal der Jungfrau Maria verstanden: Reinheit, Edelmut, Dulden und Dienen sind Teil dieses Idealbilds".
In Afrika lautet ein Sprichwort: "Eine Frau soll man sehen, aber nicht hören", wie ich dem unten besprochenen Buch "Zu Gast in Senegal" entnahm. Vielleicht ist ja manchmal auch gut, wenn man als - emanzipierte westliche - Touristin nicht alles zu genau weiß...
Fremdes sehen, ohne das eigene Fremdsein zu erleben
Im Vorwort schreibt Hanne Chen:"Die meisten Touristen sind dank ihres Geldes in der privilegierten Rolle, die Fremde besichtigen zu dürfen, ohne ihr ausgeliefert zu sein. Sie können sich jederzeit zurückziehen in das internationale Hotel, an den touristischen Badestrand oder in das Feriencamp. Sie (gemeint sind hier offensichtlich Pauschaltouristen, Anm. d. Red.) nehmen ganz selbstverständlich ihre kulturellen Gewohnheiten in das andere Land mit, und da die Tourismus-Industrie darauf Rücksicht nimmt, wird ihnen das kaum bewusst. Sie sehen Fremde, ohne ihr eigenes Fremdsein zu erleben.
Ganz anders verhält es sich mit Individual-Touristen oder Menschen, die für längere Zeit in ein fremdes Land gehen und dort zu einheimischen Bedingungen reisen und leben. Sie werden plötzlich mit dem Fremdsein konfrontiert, können ihm nicht ausweichen und sind meist nicht darauf vorbereitet, dass das keine Kleinigkeit ist... Der auf eigene Faust Reisende lernt nicht nur eine andere Welt, sondern auch seine eigenen Grenzen kennen".
Das vorliegende Buch ist ein hervorragender Begleiter beim Umgang mit ungezählten Eindrücken und beim Versuch, mit seinen Gefühlen klarzukommen. Ein Volltreffer!
Chen, Hanne/Jäger, Henrik (Hg): "Mit anderen Augen sehen - Leben in fremden Kulturen", Reihe "Kulturschock", Reise Know-How Verlag Peter Rump, Bielefeld 2003, 264 S., ISBN 3-8317-1109-7, www.reise-know-how.de.
Katalog: Osnabrücker Str. 79, 33649 Bielefeld, Tel. 0521/946490, Fax 441047.
In der Reihe "Kulturschock" sind außerdem erschienen: Afghanistan, Ägypten, Brasilien, China, Golfemirate/Oman, Indien, Iran, Islam, Japan, Jemen, Marokko, Mexiko, Pakistan, Russland, Spanien, Thailand, Türkei und Vietnam.
Ergänzend dazu die kleinen Handbücher "Daoismus erleben", "Hinduismus erleben", "Islam erleben", "Konfuzianismus erleben".
Auf Deutsch, eine kleine Sensation, erschien 2002 bei Reise Know-How der Klassiker "Leben und Riten der Inder" von Abbé J.A. Dubois. Das Buch des französischen Missionars, der über 30 Jahre in Indien lebte, erschien erstmals 1807 als "Mœurs, Institutions et Cérémonies des Peuples de L'Inde", 1816 als "Hindu Manners, Customs and Ceremonies". Die deutsche Ausgabe wurde von Thomas Kohl übersetzt und herausgegeben.
(14.262 Anschläge, 184 Zeilen, September 2003)