Indien: Ein ganzer Topf voll Masterpläne

Tourismuspolitik auf den Andamanen
By Brinda Ayer, Manju Menon, P. Muthu und Syed Liyakhat (Equations)

Nach dem Tsunami hat die Verwaltung der Andamanen und Nikobaren bereits im März 2005 verkündet, dass die Inselgruppen bereit seien, Touristen zu empfangen. Als der indische Präsident im Mai 2005 die Inseln besuchte, kündigte er an, dass er hier – entsprechend dem Modell der Malediven – eine Million Touristen pro Jahr sehen wolle. Kürzlich hat die Verwaltung eine aggressive Marketingkampagne in den elektronischen und Printmedien auf den Weg gebracht, um mit dem Slogan „Vitamin Sea“ Werbung für „sea, sand and surf“ zu machen.

Das tourismuspolitische Handlungskonzept für die Andamanen und Nikobaren (2003) ist ein eher simples Dokument ohne Leitlinien und Prinzipien zur Umsetzung. Das Dokument mit einem Umfang von einer Seite formuliert die Vision, die Insel „als eine Qualitätsdestination für Ökotouristen zu entwickeln, durch umweltverträgliche Entwicklung der Infrastruktur ohne Störung des natürlichen Ökosystems, mit dem Ziel, Einnahmen zu generieren und mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, Synergien und sozio-ökonomische Entwicklung auf den Inseln zu schaffen.“

In Bezug auf eine nachhaltige Ökotourismus-Entwicklung ist die „Tourismus-Vision“ rein rhetorischer Natur und hat wenig Substanz. Im Gegenteil: Die Vision zielt darauf ab, für Projekte an der Küste den Küstenschutz und andere Umweltrichtlinien zu lockern sowie Genehmigungen für Tourismusprojekte in Waldgebieten zu erhalten. Die Stoßrichtung ist Privatisierung, Förderung von Investitionen des Privatsektors, Öffnung weiterer Gebiete auf den Inseln für den Tourismus und Errichtung einer umfangreichen Infrastruktur, um touristische Aktivitäten auf den Inseln zu ermöglichen. Was in dem Plan völlig fehlt, ist Sensibilität für die einheimische und indigene Bevölkerung sowie für das empfindliche Ökosystem.

In den vergangenen zehn Jahren wurden mindestens sechs Dokumente erstellt, mit denen ein Rahmen für die touristische Entwicklung der Inseln geschaffen werden sollte. Nach dem Tsunami scheint sich die Situation nicht geändert zu haben. Vielmehr erscheint das, was bereits vorher geplant war, nun mit mehr Dringlichkeit auf den Weg gebracht zu werden.

Nach der „Tourismus-Vision“ wurde der Masterplan des Tourismusministeriums der indischen (Zentral-)Regierung, der Welttourismusorganisation (UNWTO) und des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zur Umsetzung ausgewählt. Dieses Dokument ist äußerst umstritten und zivilgesellschaftliche Organisationen aus Indien und anderen Teilen Südasiens haben diverse Bedenken dagegen vorgebracht. Nach dem Tsunami ist besonders besorgniserregend, dass der Zusammenhang zwischen Katastrophen und der Anfälligkeit der Tourismuswirtschaft auf den Inseln überhaupt nicht berücksichtigt wird. Weder das tourismuspolitische Handlungskonzept noch irgendein anderer der erstellten Pläne widmen sich Fragen, die sich im Falle von Naturkatastrophen und anderen Problemen für den Tourismus auf den Inseln stellen, oder beleuchten Möglichkeiten, mit solchen Problemen umzugehen.

Tourismusprobleme auf den Andamanen

Das empfindliche Ökosystem dieser Inseln kann mit den Auswirkungen des Tourismus kaum fertig werden. Es kommt zu Störungen in den Waldgebieten; Meeres- und Küstenökosysteme, insbesondere Korallenriffe, werden beeinträchtigt. Ferner bestehen Probleme bei der Verfügbarkeit von Wasser, der Abfallentsorgung, der Energieversorgung und mit der Errichtung weiterer Infrastruktur. Da Nahrungsmittel und andere Güter vom Festland importiert werden müssen und die Regierung für den Transport auf die Inseln hohe Subventionen zahlt, werden die Ausgaben der Touristen für Güter und Dienstleistungen auf den Inseln netto kaum Gewinne abwerfen.

Fast 95 Prozent der Touristen auf den Andamanen und Nikobaren sind indische Touristen, viele von ihnen Beamte mit ihren Familien. Die ausländischen Besucher sind hauptsächlich Rucksacktouristen. Die vorgesehene gehobene touristische Infrastruktur und die Investitionen der Privatwirtschaft werden, abgesehen von enormen Umweltschäden, auch zu einem anderen Touristenprofil führen. Der Tourismus, den sich die Verwaltung vorstellt, wird nicht nur Konflikte mit den einheimischen Unternehmern bezüglich des Tourismusgeschäfts und der Nutzung von Ressourcen heraufbeschwören, sondern auch zu Verdrängungsprozessen führen und die Lebensgrundlage der Einheimischen beeinträchtigen, die vom Tourismus, wie er zur Zeit auf der Andamanen-Insel Havelock stattfindet, abhängig sind.

Die touristische Entwicklung, die für die Inseln gegenwärtig vorgesehen ist, ist nicht nachhaltig und läuft einem Urteil des obersten Gerichtshofs von 2002 zuwider, wonach der Tourismus nur geringe Auswirkungen haben darf und den ökologischen Bedingungen auf den Inseln Rechnung tragen muss.

Empfehlungen

Auf der Grundlage unserer detaillierten Untersuchungen auf den Andamanen empfehlen wir dringend, alle bestehenden touristischen Masterpläne und Dokumente zu den Akten zu legen. Ein Tourismus, der für die Inseln nachhaltig wäre, muss in partizipativen Prozessen auf der Grundlage der aktuellen Zusammenhänge und Entwicklungen nach dem Tsunami neu durchdacht werden. Die Öffentlichkeit sollte entsprechend informiert werden. Wir warnen auch davor, neue Gebiete für den Tourismus – einschließlich Ökotourismus –zu erschließen, so lange nicht fundierte Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Quelle: Equations (Hg.): Andaman Islands – Coastal Area Assessment: a Post Tsunami Study on Coastal Conservation & Regulation, Bangalore, 2006.

Eine ausführliche Fassung der Studie kann bei Equations anfordert werden. E-Mail: info@equitabletourism.org, www.equitabletourism.org

Redaktionelle Bearbeitung und Übersetzung: Christina Kamp

(6.069 Anschläge, 82 Zeilen, Juni 2006)

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