Anfang März 2012 war Heinz Fuchs, Leiter der Arbeitsstelle Tourism Watch, zu Gast im WDR bei Planet Wissen, um dort über Möglichkeiten des nachhaltiges Reisens zu sprechen.
Die Sehnsucht nach dem Paradies ist uralt. Schon in der griechischen und römischen Antike wurden utopische Wünsche auf unbekannte Völker und ferne Länder projiziert. In unserem Zeitalter sind "Exotik", die Südsee und vor allem Tibet mit seinem Buddhismus "in". Selten konnte eine Region weltweit so viele Phantasien freisetzen wie das - von China besetzte - Schneeland auf dem Dach der Welt.
Dem Schweizer Ethnologen Martin Brauen, selbst mit einer Tibeterin verheiratet, platzte irgendwann der Kragen. Akribisch trug er alles zusammen, was ihm an Zerrbildern in Literatur, Filmen und in der Werbung unter die Augen kam. Das Ergebnis ist eine erschreckende, aber gleichzeitig überaus anregende Ausstellung im Völkerkunde-Museum Zürich und das ebenso spannende Buch "Traumwelt Tibet - westliche Trugbilder".
Die Ausstellung, die noch bis zum 4. Juni 2001 geöffnet ist, berücksichtigt zusätzlich chinesische Tibet-Klischees. Jeder der sich mit multikulturellen und multireligiösen Themen oder mit Tibet und Buddhismus beschäftigt, sollte sich Buch und Ausstellung zu Gemüte führen, auch Touristiker, die Tibet und den Himalaya anbieten! Ebenfalls empfohlen sei es allen Menschen, die sich mit New Age oder der rechts-esoterischen Szene befassen. Sie werden in dem reich illustrierten Buch viele Erklärungen zum - derzeit leider wieder aktuellen - Rassenwahn, der ungefragten Vereinnahmung Tibets durch die Nazis und die dadurch entstandenen neuen Mythen entdecken.
Die Vermarktung Tibets und des tibetischen Buddhismus ist allgegenwärtig. Daß die harmlosen Turnübungen "Die fünf Tibeter" eine westliche, äußerst profitable Erfindung sind, spricht sich trotz gegenteiliger Beteuerungen des Scherz-Verlages langsam herum. Bei diesem Beispiel zeigt sich besonders deutlich, wie häufig bestürzt, mitunter gar feindselig auf den Versuch reagiert wird, Tibet und seine Menschen objektiv und differenziert darzustellen bzw. Mythen zu entlarven. Dies ist nicht weiter verwunderlich, glaubt Brauen, denn ein Hauptcharakteristikum von Vorurteilen, positiven wie negativen, sei ihre Starrheit und Unverrückbarkeit. Aus dem Buch "Vom Vorurteil zur Toleranz" zitiert er Wolfgang Metzger: "Ein Mensch, der einem Vorurteil verfallen ist, verteidigt es wie ein Vogel sein Junges. Er verhält sich, als ob er in Gefahr wäre, etwas Unentbehrliches zu verlieren".
Als letzter einfältiger Schrei kamen im vergangenen Jahr sogenannte Buddha-Perlen hinzu, die auch an den Handgelenken zahlreicher Prominenter zu entdecken sind...
Flippern in Shangri-La
In der Werbung ist die Kommerzialisierung und Trivalisierung insbesondere des sakralen Tibet mitsamt dem Dalai Lama am auffälligsten. Auch Exil-Tibeter und Klöster sind daran beteiligt. Geworben wurde und wird für Reisen, Flüge, Wellness, Restaurants, Hotels, Kletterseile, Bier, Autos, Computer, Faxgeräte, Camcorder, Fernsehgeräte, Staubsauger, Uhren, Brillen, Parfüms, Bohnerwachs, Schuhe, Sonnenschutzmittel, "Liebeskissen", Tee, Käse, Energie-Riegel, Lutschtabletten, Aufbaupräparate, Krankenversicherungen und anderes mehr. Religiöse Symbole zieren T-Shirts, Leibchen, Shorts, Seidenschals, Rucksäcke, Taschen, Bildschirmschoner, Schmuck, Kosmetika, Eau de Toilette, Uhren, Brillenetuis, Buttons, Würfel-, Karten-, Gesellschafts- und Computerspiele, Aschenbecher und Fußmatten (!). In Kneipen konnte man mit einem "Shangri-La-Gerät" sogar flippern! Es ist in der Ausstellung zu bewundern.
Ständig wiederkehrende Mythen
Brauens Resümee, nachdem die Puzzleteilchen erst in dieser Zusammenstellung den wahren Umfang des Tibet-Zerrbildes erkennen lassen: "Die Traumwelt Tibet spricht Sehnsüchte an, die in allen Paradiesvorstellungen vorkommen: Frieden, Weisheit, ein unbeschwertes langes Leben, sexuelle Erfüllung, Harmonie und eine Ordnung, die jedem Menschen seinen Platz zuweist. Das Bedürfnis nach einem Paradies auf Erden scheint umso größer zu sein, je unsicherer das gegenwärtige Leben empfunden wird. Bei genauerer Betrachtung allerdings erweist sich das dargestellte Tibet als Nicht-Tibet, angebliche Botschaften als nicht-tibetisch, missionierende Weise als Nicht-Tibeter".
Als ständig wiederkehrende Mythen fallen u.a. auf:
Ausstellung in Zürich
Die Ausstellung "Traumwelt Tibet - Westliche und chinesische Trugbilder" findet bis zum 4. Juni 2001 im Völkerkundemuseum der Universität Zürich statt. Öffnungszeiten: Di - Fr von 10-13 + 14-17 Uhr, Sa 14-17 Uhr, So 11-17 Uhr, Mo geschlossen. Der Eintritt ist frei.
Pelikanstraße 40, CH-8001 Zürich (Innenstadt). Tel: 0041-1-6349011, Fax 6349050, E-mail: musethno@vmz.unizh.ch; www.musethno.unizh.ch
Bücher zur Ausstellung
( 6.222 Anschläge, 96 Zeilen, März 2001)
Vgl. auch TW 16, S. 1-13 "Der Tibet-Mythos", Oktober 1999!