"Bikini, eine Enthüllungsgeschichte"

By Christine Plüss

"Bikini" – ein paar Stoffdreiecke mit Schnürchen und gehöriger Sprengkraft. Das unwiderstehliche Teil, mit dem sich gerade wieder Millionen von Frauen eine ganze Badesaison lang abgemüht haben, um auch im unkleidsamsten Kleidungsstück der Welt einigermaßen gute Figur zu machen. Natürlich war es ein Mann, der sich um die Freilegung des weiblichen Körpers bemühte: Louis Réard, ein französischer Autoingenieur, der in den 1930er Jahrenauf Bademodendesign umgesattelt hatte. Im Juli 1946 stellte er im Pariser Freibad Molitor seine gewagte neue Zweiteiler-Création vor, benannt zu Ehren des ersten US-Atombombentests auf dem Pazifik-Atoll Bikini am 1. Juli 1946. Der Name "Bikini" war in aller Munde, Ausdruck von Supermacht, Fortschritt und Gefahr zugleich.

Die Kombination von Badeanzug und nuklearem Weltgeschehen lag sozusagen in der Luft, hatte doch wenige Wochen zuvor bereits der französische Modeschöpfer Jacques Heim die Pariser Modewelt mit einem etwas dezenteren, aber abenfalls bauchfreien Badekostüm überrascht, das er "Atom" nannte. "Atom" contra "Bikini" lautete denn auch der Werbespruch der Badesaison 1946. Er verweist darauf, wie eng die amerikanische Rüstungspolitik mit der Entstehung der modernen Bademode verknüpft war. Zum Durchbruch verhalfen den modischen Badekostümen vorerst nämlich nicht das freizügige Design, sondern die synthetischen Fasern Nylonoder Perlon. In den 1930er Jahren erfunden, waren sie während des Krieges (ausschließlich für militärische Zwecke) produziert und weiterentwickelt worden waren. Die synthetischen Stoffe ermöglichten schließlich die Fabrikation von elastischen, eng anliegenden, schnell trocknenden Badekleidern.

Die Enthüllung des weiblichen Körpers löste heftige Kontroversen aus, die sich über Jahre hinzogen: So verbot noch Ende der 1960er Jahre etwa das Schwimmbad Passau "das Tragen von Bikini-Badeanzügen", während die Haute-Couture schon den busenfreien "Monokini" defilieren ließ. Bereits 1962 war Ursula Andress als wehrhaftes James-Bond-Girl im legendären elfenbeinfarbenen Bikini den karibischen Meereswogen entstiegen, was den tabubrechenden Zweiteiler untrennbar mit dem Image der modernen, selbstbewussten Frau verband. Heute gelten Bikinis und rituelle Fintessprogramme bei uns als ganz normal. Denn mit den knappen Stofffetzenlässt sich schwer verhüllen, was eigentlich zur Enthüllung gedacht war.

Die Journalistin Beate Burger zeichnet anhand von Skandalgeschichtchen, Anekdoten, Schlagertexten, Auszügen aus Frauenzeitschriften, Filmhinweisen und interessanten Fotos ein Stück moderner Körperkultur und Zeitgeschichte nach, amüsant, oft ironisierend, immer locker und ohne moralisierende Zwischentöne. Das gibt Einblick in die rasanten Entwicklungen der letzten 50 Jahre und weckt bei vielen Erinnerungen an noch gar nicht so lang vergangene Tage. Das bisschen Stoff lässt tief blicken und regt hoffentlich weitere HistorikerInnen dazu an, noch etwas tiefer unter der Oberfläche der Geschichten zuschürfen.

Christine Plüss


Berger, Beate: Bikini, eine Enthüllungsgeschichte, Marebuchverlag, Hamburg 2004, 271 S., ISBN 3-936384-88-6

(3.152 Anschläge, 37 Zeilen, Dezember 2004)

BIKINY DAY

Im Pazifik löst der Begriff "Bikini" keine Freude, sondern Trauer aus. Zwischen 1946 und 1958 stieg allein über den mikronesischen Marshall-Inseln 67mal der amerikanische Atompilz auf, davon 23mal über Bikini. Die Bewohner hatte man zuvor "umgesiedelt". Vor 50 Jahren, am 1. März 1954, wurde auf dem Bikini-Atoll die größte US-Wasserstoffbombe aller Zeiten gezündet. Der extrem hohe, falsch berechnete Fallout verstrahlte viele Menschen und verseuchte weite Teile des Pazifiks. "Bravo" war fast 1000mal stärker als die Hiroshima-Bombe. Gegen das Vergessen wird in der Pazifik-Region alljährlich am 1. März der "Bikini Day", "Nuclear Free and Independent Pacific Day" bzw. der "Nuclear Victims' Remembrance Day" begangen. –tü-

Weitere Informationen: Pazifik Netzwerk, www.pazifik-infostelle.org.

Vgl. auch TW 7 vom Oktober 1995, S. 1-16, (noch nicht auf der Webseite): "Strahlende Reiseziele in Wüsten und Meeren - Gibt es nach Atomtests ein Risiko auch für Touristen?".

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